Fachartikel

MÄR2020
Ausgabe 2/2020, Seite 62 | 20-03-62-1

Mobilität in Italien: Assoziationen zum autonomen Fahren

Molto rumore per nulla – Viel Lärm um nichts

Wie steht man in Italien – einem Land, das wie kein anderes für Autobegeisterung steht – zum Thema autonomes Fahren? Vito Nuzzi gibt wieder Einblicke in die Gefühlslage italienischer Autofahrer.
Fachartikel zum Thema Automobil/Automotive aus dem Research & Results Magazin 2/2020Foto: © Kit8.net, Lisa Kolbasa – Shutterstock
Zur Erinnerung: Im Dezember hatten wir uns mit dem Thema „Elektroautos und Elektromobilität in Italien“ befasst (Ausgabe 7/2019): eine Art Wettrennen zwischen den internationalen Brands und – aus italienischer Perspektive – einem schwachen Echo im Markt. Die geringe Nachfrage rechtfertigt die Anstrengungen der Hauptdarsteller kaum – nur einzelne E-Autos auf den Straßen, weitgehend „unsichtbare“ Ladestellen, ein überschaubares Angebot an E-Brands und Modellen.
In diesem Beitrag geht es nun ums autonome Fahren – und es zeigt sich ein ähnliches Bild. Ein Visionär wie Elon Musk wird als Erfinder der Zukunftsmobilität dargestellt, und die internationalen Medien verfolgen seine Experimente Tag für Tag. Sicherlich: Produktentwicklungen, etwa Assistenzsysteme wie ADAS, bieten den Fahrern Unterstützung – vom eigentlichen autonomen Fahren sind wir aber noch weit entfernt.


Selbstfahrende Autos in Italien

Auch beim jetzigen Thema ergaben sich positive wie negative Reaktionen, diesmal aber auf psychologischer Ebene. Der Polarisierung Ökologie versus strukturelle/technische Hindernisse bei den E-Autos steht mit dem computergesteuerten Fahren die emotionale Beziehung zwischen Fahrer und Auto gegenüber. Bei der E-Thematik wurde ein Verhältnis von 60 Prozent positiver zu 40 Prozent negativer Assoziationen ermittelt. Beim autonomen Fahren hingegen liegt das Verhältnis eher ausgeglichen bei 92 zu 80 Prozent.
Immerhin 84 Prozent der Befragten haben von „autonomem Fahren“ bereits gehört. Selbstfahrende Fahrzeuge werden noch als Zukunftsforschung angesehen. Sprich: Ein potenzieller Wechsel käme, wenn überhaupt, erst nach fünf bis zehn Jahren infrage (Abb. 1).

Wechsel zum autonomen Fahren

 
Selbstfahrende Autos – welche Assoziationen verbinden die Befragten damit?
Wo bleibt die Freude am Fahren?

Eine Vielzahl an Assoziationen haben wir in unserer Befragung zum Thema autonomes Fahren im Vergleich zur E-Mobilität eruiert (Abb. 2). Steht bei der E-Mobilität die Umweltproblematik im Vordergrund, sind es beim autonomen Fahren Technologie und psychologische Valenzen. Negative Assoziationen halten sich hier mit den positiven die Waage: Faszination auf der einen Seite, Angst, „Blödsinn“ und Klassendiskriminierung auf der anderen. Der Unterschied in der Einstellung zu E-Autos und autonomem Fahren ist erheblich: einerseits eher praktische Funktionen wie Elektro versus Benzin und Diesel, andererseits Selbstfahren versus Nichtfahren, also das Gegenteil von „Freude am Fahren“, einer Art Zusammenspiel zwischen dem Fahrer und seinem Auto. Kaum verwunderlich also, dass sich 20 Prozent der Autofahrer mit einem glatten „niemals“ zur Hypothese äußern, in Zukunft ein selbstfahrendes Auto zu nutzen.


„Noch nicht bereit“

Die Themen Mobilität und autonomes Fahren verdienen große Aufmerksamkeit. Die „Revolution“ steckt im Falle der E-Mobilität noch in den Kinderschuhen, beim autonomen Fahren steht sie sogar in den Sternen. Beide Konzepte symbolisieren zweifellos den technischen Fortschritt, und es ist lediglich eine Frage der Zeit, bis sie Wirklichkeit werden. Die Konzepte lassen derzeit relevante Fragen offen, können nicht als marktreif betrachtet werden. In Italien ist Druck spürbar: „Wir sind noch nicht bereit!“ Nicht zuletzt liegen die Anschaffungskosten einfach noch zu hoch.
Demnach würde ich persönlich – auch im Segment E-Autos – für Vorsicht und Ruhe plädieren, von der abrupten Umstellung eines Modells von Benzin- und Diesel-Kraftstoff auf eine E-Mobilisierung eher abraten. In fünf bis zehn Jahren kann man aus meiner Sicht das Thema konkreter angehen.


Erst mal abwarten

In Italien überwiegen kleine Kompaktwagen mit durchschnittlichem Alter von zehn Jahren. In den nächsten zwei bis drei Jahren wird sich also auf dem E-Automobilmarkt wenig tun, die Verkaufszahlen werden sich eher im Rahmen halten. Noch länger wird man hier auf selbstfahrende Fahrzeuge warten – von der Sinnhaftigkeit einmal abgesehen.
In den letzten Monaten ist es um das Thema autonomes Fahren etwas ruhiger geworden. Die Automobil-Hersteller haben offensichtlich mit der E-Mobilität noch genug zu tun, bis alle damit verbundenen Herausforderungen bewältigt sind. Das autonome Fahren ist nicht weniger anspruchsvoll, im Gegenteil – echte Zukunftsmusik also, ein Traum, der reifen muss. ■

Vito Nuzzi ist Diplom-Psychologe und arbeitet seit über 40 Jahren in der Marktforschung. Begonnen hat er seine Laufbahn bei Contest Census in Frankfurt/M., wechselte dann zu Contest Italia in Mailand und gründete Mitte der 80er Jahre Infomark, wo er bis heute als CEO tätig ist. Dort betreut er hauptsächlich internationale Projekte.
www.nginfogroup.it


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