Fachartikel

MÄR2020
Ausgabe 2/2020, Seite 34 | 20-03-34-1

Healthcare: Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) und Zielgruppe Patienten 60+

Zu alt für Health-Apps?

Mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) kann die digitale Transformation in der Medizin Fahrt aufnehmen – wenn sie denn die Ärzte und auch ihre Patienten mitnimmt. Anja Wenke gibt Einblick in eine mulmige Stimmungslage unter Allgemeinmedizinern.
Fachartikel zum Thema Pharmaforschung aus dem Research & Results Magazin 2/2020Foto: © Ranta Images, Blan-k – Shutterstock
Im November 2019 verabschiedete der Bundestag das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) und machte damit den Weg frei für digitale Gesundheitsanwendungen auf Rezept. Diese umfassen sowohl Software als auch sonstige auf digitalen Technologien basierende Medizinprodukte und Innovationen mit gesundheitsbezogener Zweckbestimmung. Dies können beispielsweise Apps sein, die die pünktliche Einnahme speziell dosierter Medikamente überwachen oder das Selbstmanagement bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Asthma oder Migräne unterstützen. Ein medizinischer Nutzen oder eine patientenrelevante Versorgungsverbesserung muss nachgewiesen sein.


DVG: Gesetz ermöglicht Apps auf Rezept

Das neue Gesetz klingt bahnbrechend – gerade mit Blick auf die im Pharma-Sektor vielbeschworene digitale Transformation: Es schafft einen Leistungsanspruch der Versicherten auf digitale Gesundheitsanwendungen. Ärzte können künftig beispielsweise Apps verschreiben, die Kosten dafür werden von der Gesetzlichen Krankenversicherung übernommen. Doch offenbar gibt es ein Problem: Die Ärzte in Deutschland trifft dieses neue Gesetz aktuellen Umfragen von DocCheck Research zufolge völlig unvorbereitet. Den Möglichkeiten digitaler Kommunikationslösungen begegnen die Verordner mit erheblichem Argwohn.


Digitalbanausen: Ärzte outen sich

Obwohl Ärzte und Apotheker das Internet für persönliches Wissensmanagement so intensiv nutzen wie nie zuvor, gerät ihre Online-Aktivität ins Stocken, sobald es ans aktive Posten und Teilen geht. Dies zeigten bereits die Ergebnisse der Deep Dive Internetnutzung 2019: Weniger als ein Drittel der befragten Heilberufler lässt sich zum Kommentieren oder Bewerten von Beiträgen im Web hinreißen, nur gut jeder zehnte stellt (zumindest ab und zu) eigene Inhalte ein. Noch deutlicher wurde das latente Desinteresse der Mediziner an digitalbasiertem Austausch mit Blick auf die Arzt- Patienten-Kommunikation, insbesondere beim Einsatz digitaler Therapien (DTx): Gerade einmal jeder fünfte Allgemeinmediziner sagte im Sommer 2019 von sich, er sei mit den Möglichkeiten digitaler Therapieunterstützung gut vertraut. Nur rund 15 Prozent der befragten Hausärzte und Fachärzte sahen großes Potenzial, um digitale Therapien bei der Patientenbehandlung nützlich einzusetzen.


Digitale Therapien: Neuland für Ärzte

Nun ist es also da, das DVG – und die Ärzte wissen nicht viel damit anzufangen. Eine Kurzbefragung im DocCheck-Panel im Januar 2020 unter n=300 Hausärzten (APIs) zeigt: Lediglich 13 Prozent sind mit den Auswirkungen und digitalen Möglichkeiten (umfassend) vertraut, knapp zwei Drittel sind es (ausdrücklich) nicht (Abb. 1). Entsprechend gering ist die Begeisterung, die das neue Gesetz auslöst: Nur gut jeder zehnte Allgemeinmediziner begrüßt das DVG sehr, lediglich jeder fünfte Hausarzt freut sich auf die neuen Möglichkeiten, und nur jeder dritte fühlt sich den damit verbundenen IT-Anforderungen gewachsen. In den Freitext-Fragen wird ordentlich geflucht, etwa: „Wie kann man ein Gesetz (!) zur Nutzung von Apps erlassen? Völliger Unsinn, mangelnde Datensicherheit, fehlende Arzt-Patienten-Kommunikation.“
Wenig Interesse am DVG

Sind Patienten 60+ mit Health-Apps überfordert?

Nur knapp ein Viertel der Hausärzte geht davon aus, dass Ärzte in niedergelassenen Praxen vom DVG innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre profitieren werden, und auch mit Blick auf Patienten sind sie eher skeptisch. Am ehesten werden ihnen zufolge Patienten unter 60 Jahren die Möglichkeiten digitaler Gesundheitsanwendungen nutzen (52 Prozent Zustimmung). Dass auch Patienten über 60 oder Angehörige dieser Altersgruppe zeitnah digitale Therapien in Anspruch nehmen werden, schließen zwei Drittel der Hausärzte eher aus. (Abb. 2)
Pharmaforschung
Gründe für diese hohe Skepsis liegen in erster Linie darin, dass die Ärzte den über 60-jährigen Patienten und Angehörigen den Umgang mit digitalen Anwendungen und Apps nicht zutrauen. Sie unterstellen ihnen vielfach „mangelndes technisches Interesse und Verständnis“ und glauben, Patienten 60+ seien „den Anforderungen mental wie auch körperlich eher nicht gewachsen (Bettlägrigkeit, schlechtes Sehvermögen, eingeschränktes Fingerspiel etc.)“. Einige Ärzte verweisen zudem auf den Datenschutz, vermuten Desinteresse bei den Patienten, sehen keinen Mehrwert oder meinen, ältere Patienten „brauchen den Quatsch nicht“, sondern die direkte Zuwendung des Arztes: „Ich bin lieber emotional als digital!“
Nur gut jeder zehnte Allgemeinmediziner sieht dies anders und meint, dass auch die heute über 60-jährigen Patienten innerhalb der kommenden zwei bis drei Jahre von digitalen Gesundheitsanwendungen profitieren werden. In ihren Augen können sich Vorteile bei der Dokumentation ergeben, etwa „durch leichtere Kontrolle und Dokumentation bestimmter Messwerte (Zucker, Blutdruck)“, sie sehen „bessere Möglichkeiten der Vernetzung bei eingeschränkter Mobilität“, „Vermeidung unnötiger Wege“ und finden, „die Leute arbeiten doch auch jetzt schon mit den neuen Medien“.


Älteren Ärzten fehlt die Anwendungsidee

Zieht man neben dem Alter der Patienten auch das der Ärzte in Betracht, zeigt sich: Nicht nur für viele ältere Patienten scheinen die Chancen digitaler Therapien zu spät zu kommen, sondern auch für ältere Ärzte, fremdeln doch Verordner ab 50 Jahre deutlich stärker mit den Möglichkeiten des DVG als ihre jüngeren Kollegen. Knapp ein Drittel der jüngeren Ärzte freut sich bereits auf die Möglichkeiten, die durch das DVG geschaffen werden, bei den älteren sind es nur 14 Prozent. Gut ein Drittel der jüngeren Allgemeinmediziner geht davon aus, dass Ärzte in der Niederlassung von den Neuerungen des DVG zeitnah profitieren werden, von den weiblichen APIs unter 50 sagen dies sogar 44 Prozent. Bei den Befragten über 50 sieht dies nur knapp jeder Fünfte.
Damit stellen für eine erfolgreiche Einführung von Gesundheits-Apps nicht unbedingt nur Vorurteile älteren Patienten gegenüber eine Hürde dar, sondern auch die tradierte Haltung von Verordnern alten Schlags. ■
Anja Wenke ist Soziologin M.A., Head of DocCheck Research und seit rund 20 Jahren im Bereich der Markt- und Werbeforschung tätig. Ihr Steckenpferd ist die strategische Markenführung.
research.doccheck.com


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