Fachartikel

FEB2020
Ausgabe 1/2020, Seite 52 | 20-02-52-1

Warum die Deutschen Bargeld so lieben

Ka-Ching!

Im November 2002 landete Shania Twain mit „Ka-Ching“, der lautmalerischen Umschreibung für das Klingeln einer Registrierkasse, einen weltweiten Hit. In den USA, China und vielerorts in Europa dominiert heute der bargeldlose Zahlungsverkehr. Anders in Deutschland. Welche psychologische Erklärung gibt es hierfür und gibt es leise Fortschrittstendenzen? Ein Status quo.
Fachartikel zum Thema Shopper Research aus dem Research & Results Magazin 1/2020Foto: © Freer, SP-Photo – Shutterstock
Haltestelle Theresienwiese, München, am 24. Oktober 2019 um 7 Uhr: Eine Redakteurin von Research & Results muss für die U-Bahn-Fahrt zum MOC Veranstaltungscenter einen Fahrschein lösen – und flucht. Ein Ticketautomat am wohl bekanntesten deutschen Partyacker mit einem jährlichen Besucherstrom von über sechs Millionen Menschen aus aller Welt nimmt nur Bargeld. Auch beim Bäcker, am Marktstand, in kleinen Läden oder beim Schuldenbegleichen unter Freunden ist nur Bares Wahres und der Umweg zum Geldautomaten selten (negatives) Gesprächsthema. Ganz anders in den USA, in China oder Schweden. Bei letztgenannten findet man in Schaufenstern häufig den Hinweis „kein Bargeld“ – hierzulande betonen Händler mit „nur Bargeld“ noch gerne das genaue Gegenteil. Warum ist das so?


Deutsche betreiben Suchtkontrolle

Man könne die Bargeldliebe der Deutschen aus der kulturellen Tradition heraus erklären, sagt Jens Lönneker, Inhaber und Geschäftsführer von Rheingold Salon. Das Bürgertum habe in Deutschland erst spät politischen Einfluss bekommen und seine Identität vor allem über bürgerliche Tugenden entwickelt. Die Werte Bildung, Arbeit, Fleiß sowie Sparsamkeit, Sicherheit und Kontrolle seien deshalb bis heute fest verankert, was sich in der bevorzugten Verwendung von Bargeld ausdrücke, ist sich Lönneker sicher. Auch sei der Begriff „Kredit“ für Deutsche negativ belegt. Im anglo-amerikanischen Ausland sei hingegen eher die zweite, positive Bedeutung, to have/get credit oder credit points, geläufig. Aus diesem Grund würden Deutsche eine Kredit-Karte beispielsweise eher ungern verwenden.
Doch nicht nur das. Lönneker, der noch bis vor drei Jahren zum Bargeld-Phänomen forschte, wörtlich: „Psychoanalytisch betrachtet haben wir Deutschen unbewusst die gegenteilige Neigung, nämlich Geld zu verprassen. Um diesem Hang zuvorzukommen, kontrollieren wir so gerne finanzielle Dinge – eben auch mit der Fokussierung auf das haptische Bargeld. Ich gebe dann ganz sicher nur so viel aus, wie ich zur Verfügung habe.“ Im Ausland dominierten andere Faktoren, etwa der Stolz, sich etwas leisten zu können (USA) oder das einfachere Bezahlen (China), die die Akzeptanz von Karten- oder Handyzahlungen begünstigten, erklärt Lönneker weiter.
Kontaktlos mit dem Smartphone

Leiser Unmut

Umfragen zufolge empfinden immer mehr Deutsche die eingeschränkten Zahlungsmöglichkeiten als negativ: So ärgern sich einer Bitkom-Umfrage zufolge mittlerweile rund zwei Drittel der Bundesbürger, weil sie nicht überall bargeldlos bezahlen können. 62 Prozent sind sogar der Meinung, dass die Möglichkeit zur Kartenzahlung in Deutschland gesetzlich verpflichtend sein sollte (im Vorjahr noch 50 Prozent). Laut Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Initiative Deutsche Zahlungssysteme möchten immer mehr Deutsche auch kleine Beträge mit Karte bezahlen: Bei Summen unter 25 Euro bevorzugt mittlerweile jeder fünfte Befragte (20 Prozent) die Girocard. Innerhalb der jungen Kunden (16- bis 29-Jährige) ist es sogar fast jeder Dritte (31 Prozent). Bei den ab 60-Jährigen liegt dieser Wert bei nur 9 Prozent. Unterschiede gibt es auch zwischen den Geschlechtern: Knapp ein Viertel (23 Prozent) der befragten Männer, aber 18 Prozent der Frauen würden bei Kleinbeträgen am liebsten Plastik zücken.
Diesen leisen Veränderungen im Zahlungsverhalten tragen auch die regelmäßigen Umfragen des EHI Retail Institute im Auftrag der Deutschen Bundesbank Rechnung: 2018 verzeichnete demnach der deutsche Einzelhandel erstmals einen höheren Umsatz durch Kartenzahlungen (48,6 Prozent) als durch Zahlungen mit Bargeld (48,3 Prozent). Haupttreiber dieser Entwicklung war laut Studie das Girocard-System der Deutschen Kreditwirtschaft (DK), das über 30 Prozent des Umsatzes ausmacht und für Händler deutlich günstiger geworden sei. Auch begünstige die Möglichkeit des kontaktlosen Kartenzahlens ohne PINEingabe die Entwicklung, da sie an der Kasse eine ähnlich schnelle Abwicklung bedeute wie das Bezahlen mit Bargeld.


Sicherheit vor Service

Wie der Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB) mitteilt, sind seit 2019 von der Deutschen Kreditwirtschaft auch kostengünstigere Kartengeräte ganz ohne PIN-Eingabe-Möglichkeit verfügbar. Das ist gerade für Einzelhändler mit kleinen Beträgen interessant, für die „normale“ Kartenlesegeräte durch hohe Anschaffungs- und Transaktionskosten bislang unattraktiv waren. Dennoch hat diese Möglichkeit eine Sicherheitshürde: Nur fünfmal hintereinander darf man kontaktlos ohne PIN-Eingabe bis jeweils 25 Euro bezahlen. Beim nächsten Bezahlvorgang muss aus Sicherheitsgründen der PIN-Code eingegeben werden, auch bei einem geringen Geldbetrag. „Wenn das beim Bäcker passiert, müssen die Brötchen im Zweifelsfall im Geschäft bleiben“, gibt eine VÖB-Mitarbeiterin Auskunft. Auf die Anzahl der kontaktlosen Transaktionen sollte man sich aber besser nicht verlassen: Je nach Bank und Kartengerätanbieter sind die Sicherheitshürden unterschiedlich geregelt, etwa dass eine häufige Nutzung an einem Tag zur vorzeitigen PIN-Eingabe führt, bereits vor dem sechsten Einsatz.
Banken und Sparkassen arbeiteten zwar schon an (verschiedenen) Apps, mit denen das Bezahlen von Smartphone zu Smartphone möglich werden soll. Aber auch hier stehe der Sicherheitsgedanke an oberster Stelle, und so könne man zumindest für das eigene Projekt keinerlei Auskunft zum Realisierungszeitpunkt geben, so die VÖB-Sprecherin weiter.


Bargeldlos zur Wiesn

Doch es liegt nicht immer an der Technik: In den Niederlanden nutzen seit 2016 über fünf Millionen Menschen „Tikkie“, eine Zahlungs- App, mit der das schnelle Begleichen kleiner Schulden möglich ist. 2018 wagte der App-Entwickler, eine niederländische Bank, den Vorstoß in den deutschen Markt. Mitte 2019 stellte das Unternehmen seine Marketing- Bemühungen ein, offenbar waren die Konsumenten noch nicht reif dafür.
Zumindest das bargeldlose Zahlen nimmt weiter Gestalt an. Wie etwa der Sprecher der Münchner Verkehrsgesellschaft, Matthias Korte, mitteilt, soll es im Laufe des kommenden Jahres möglich sein, in allen öffentlichen Verkehrsmitteln der bayerischen Landeshauptstadt Fahrkarten auch bargeldlos zu kaufen. Einen Zeitplan für den Austausch aller alten stationären Automaten an den einzelnen Haltestellen – etwa auch dem an der U-Bahn-Station Theresienwiese – gibt es laut Korte indes noch nicht. ■
von Sonja Mayer


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