Fachartikel

DEZ2019
Ausgabe 7/2019, Seite 42 | 19-12-42-1

Patient Centricity: wie Tracking eine Kommunikationslücke schließen kann

Mir fehlen die Worte

Zwischen Patienten und Ärzten bleibt oft einiges ungesagt. Wie kann die Kommunikation verbessert werden? Lücken lassen sich durch Tracking mit Smart Devices schließen, sagt Max Czycholl und berichtet von einer Case Study zur Patient Centricity.
Fachartikel zum Thema Pharma-Forschung aus dem Research & Results Magazin 7/2019Foto: © chubphong – Shutterstock
Kranke Menschen als passive Empfänger für das überlegene Ärztewissen? Medizin als rein funktionelles Mittel in der Behandlung? Solche Vorstellungen sind obsolet – im Mittelpunkt der Gesundheitsbranche und -marktforschung stehen die Patienten. Dabei ist Patient Centricity durchaus disruptiver Natur. Das zeigt sich in der Digitalisierung und dem leichten Zugang zu medizinischen Informationen, Arztbewertungen, Arzneimittelpreisen und alternativen Therapien: Konsumption von Medizin und Gesundheitsversorgung stehen im Vordergrund, Patienten haben die Wahl, und Pharmaunternehmen realisieren, dass ein differenziertes Verständnis für das Leben, die Erfahrungen, die wichtigsten Bedürfnisse und Herausforderungen ihrer Patienten erforderlich ist.


Aktive Rolle der Pharma-Forschung

Diesen Trend wollten wir bei Borderless Access besser verstehen, Risiken und Herausforderungen identifizieren und die Möglichkeiten für die Gesundheitsmarktforschung skizzieren, eine aktive Rolle bei der Patientenzentrierung einzunehmen. In einer Case Study am Beispiel eines Schwellenlandes (Indonesien) und eines Industriestaats (UK) fanden wir heraus, wie digitale Technologien helfen, Patientenzentrierung zu fördern und Gesundheitsergebnisse zu verbessern. Mit unseren Healthcare Panels, die weltweiten Zugang zu knapp 700.000 Akteuren im Gesundheitswesen ermöglichen, wurden zunächst jeweils 1.600 Patienten und 100 Allgemeinärzte in Indonesien und UK nach Klarheit und Verständlichkeit in der Arzt-Patienten- Kommunikation befragt.


Kommunikation? Optimierbar!

In beiden Ländern konnte eine Entkopplung in puncto Arzt-Patienten-Verhältnis und -Kommunikation konstatiert werden: In UK gaben 56 Prozent der Patienten an, sich unsicher zu fühlen, was der Arzt eigentlich gemeint haben könnte, und waren der Meinung, der Arzt würde sich zu knapp artikulieren. Die Ärzte wiederum bemängelten mangelnde Therapietreue und hohe Patientenansprüche (43 Prozent). In Indonesien waren 53 Prozent der Patienten der Meinung, der Arzt würde sich unzureichend mitteilen, es herrschte Unsicherheit über das tatsächlich Kommunizierte. 58 Prozent der indonesischen Ärzte bemängelten hohe Patientenansprüche und mangelnde Therapietreue.


Unartikuliertes aufdecken – mit Smart Devices

Es stellte sich die Frage: Wie kann Gesundheitsmarktforschung die Lücke zwischen unartikulierten, subjektiven und nicht-kommunikativen Informationen zum Wohle der Patienten schließen? In einer Folgestudie wurde hierzu die Patient Journey kartiert und vom ersten Problembewusstsein bis zur Behandlung mithilfe eines Smart Device erfasst und überwacht. Erhoben wurden Informationen zu Geschlecht, Alter ab 25 Jahre, Lifestyle-Krankheiten, Besitz eines Smart Device (Wearables), sozialem Status, allgemeinem Lebensstandard sowie Zugang zu gehobener Gesundheitsversorgung, sanitären Einrichtungen und Wohnungen. Über das Smart Device wurden parallel Daten wie Blutvolumendruck, Herzschlag, Hauttemperatur und Muskeltonus, GPS-Daten und allgemeiner Aktivitätslevel überwacht.


Szenarien der Patient Centricity

Bei einem Vergleich von Testgruppe (Technologie-unterstützte Methode) und Kontrollgruppe (konventionelle Methode, Abb. 1) wurden folgende mögliche Szenarien, wie sich die Patient Centricity entwickeln kann, definiert:

Szenario 1: Patient übermittelt minimale Details
Die Ärzte müssen die Notwendigkeit erkennen, die Patienten durch passives Datenmonitoring zu untersuchen, um eine personalisierte und effektive Diagnose zu erhalten, die genaue Labortests, Medikation und Nachuntersuchungen und so weiter beinhaltet. Die Folge: eine konventionelle Beratung, bei der der Arzt nur Medikamente verschreibt.

Szenario 2: Patient übermittelt zusätzliche Informationen
Ärzte können diese für die Präzisionsdiagnostik validieren – von der passiven Datenüberwachung über Medikation bis hin zu Nachuntersuchungen. Die Ärzte verschreiben nicht nur Medikamente, das Beratungsniveau übersteigt das aus Szenario 1 und geht zusätzlich auf Behandlungszeit verkürzende Faktoren wie Ernährung und Bewegung ein. Bei der Kontrollgruppe erfolgte die Medikation basierend auf Informationen vom Patienten, wohingegen bei der Testgruppe noch die getrackte Therapietreue Berücksichtigung fand. Die Aktivitätsempfehlung basierte auf Grundlage historischer Daten (Kontrollgruppe) und war generischer Natur, wohingegen bei der Testgruppe die Empfehlung basierend auf individuellen Routinen und tatsächlicher körperlicher Verfassung erfolgte (Testgruppe). Was die Informationen zur Ernährungsroutine bei der Kontrollgruppe anbelangte, so wurden nur allgemeine Empfehlungen ausgesprochen, wohingegen bei der Testgruppe bei verpasster Nahrungsaufnahme diese validiert und in aktualisierter Form in den Ernährungsplan aufgenommen wurde.
Abb. 1: Entwicklung der Patient Centricity – zwei Szenarien


Zufriedene Patienten, zufriedene Ärzte

Die Ergebnisse der Folgestudie zeigten, dass die Testgruppe die Kommunikationslücke zwischen Arzt und Patient sowohl in UK als auch in Indonesien minimieren konnte. In UK gaben nur noch 44 Prozent der Patienten an, sich unzureichend informiert gefühlt zu haben (versus 56 Prozent im Vorfeld), in Indonesien waren es 37 Prozent (versus 53 Prozent). Auch die Ärzte bemängelten abweichende Therapietreue und Patientenansprüche nur noch mit 39 Prozent (versus 43 Prozent), in Indonesien bemängelten dies nur noch 51 Prozent (versus 58 Prozent).


Wie Tracking das Feedback verfeinern kann

Der zukunftsweisende Ansatz zur Patientenzentrierung stellt eine Kombination beider Methoden dar. In Schwellenländern wird Innovation mithilfe von Technologien und Humankapital vorangetrieben. In Industrieländern bauen Patienten auf Gesundheits- Apps, Patientengruppen und Echtzeit-Feedback-Tools.
In der Gesundheitsmarktforschung ist ein Umdenken, weg von der konventionellen Feedback-Methodik, nötig. Vorhandene Qualität und Quantität der Patienteninformationen, die sich über Smart Devices erfassen lassen, werden Feedback methodisch verändern. Nie war es einfacher, den Lebensstil eines Patienten und die Patient Journey abzubilden, Tracking-Studien als Hybrid aus technischen und traditionellen Umfragen werden neuer Standard. Die mit passiven Technologien erhobenen Daten sind von Marktforschungsunternehmen zu validieren und in neuer Tiefe zu analysieren. ■
Max Czycholl leitet als Vice President Europe vom neuen Büro Hamburg aus alle Geschäfts- und Vertriebsaktivitäten von Borderless Access in Europa. Er hat zwölf Jahre Marktforschungserfahrung, war zuletzt Director Healthcare bei Dynata (früher Research Now) und ist seit vielen Jahren Thought Leader in der Gesundheitsmarktforschung.
www.borderlessaccess.com

 


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