Fachartikel

2019
Ausgabe 7/2019, Seite 36 | 19-12.36-1

Heilberufler-Umfrage zum Thema Fehlernährung

Hilfe für Besser- Esser

Ärzte wie Apotheker sehen einen hohen Bedarf an Ernährungsberatung, doch die Hürden liegen hoch. Es mangelt an Einsicht, Disziplin und Kochkompetenz bei Patienten – aber auch unter den Heilberuflern bestehen Motivations- und Fortbildungsdefizite. Woran es hakt und worauf die Mediziner hoffen, zeigt die Umfrage Deep Dive Ernährung & Gesundheit 2019, zusammengefasst von Anja Wenke.
Fachartikel zum Thema Pharma Forschung aus dem Research & Results Magazin 7/2019Foto: © Fabio Balbi – Shutterstock, Unternehmen
Gut jeder zweite Patient würde gesundheitlich deutlich profitieren, wenn er verstärkt auf eine gesunde Ernährung achten würde. Seit Mai 2017 liegt dieser Schätzwert, abgegeben von Allgemeinmedizinern (APIs) in Deutschland, nahezu konstant bei 53 Prozent. In der Neuauflage der Deep Dive Ernährung & Gesundheit 2019 von DocCheck Research wurden 300 APIs und 100 Gynäkologen aus niedergelassenen Praxen sowie 150 Apotheker und PTAs im Juli und August dieses Jahres per Online-Panel befragt. Die Umfrage zeigt: Das Thema hat weiterhin hohe Brisanz – nicht nur für Hausärzte. Denn auch Gynäkologen bestätigen das kritische Bild und sehen bei jeder zweiten Patientin ernährungsbedingte Gesundheitseinbußen. Selbst Pharmazeuten, die neben erkrankten auch gesundheitsbewusste Konsumenten zur Stammkundschaft zählen, sehen ein hohes Potenzial: Aus Sicht von PTAs besteht bei 43 Prozent ihrer Kunden Bedarf an ernährungsmedizinischen Services oder Produkten, aus Sicht der Apotheker bei gut jedem dritten Kunden.
Bei der Frage, was einer gesünderen Ernährung der Patienten oder Kunden im Wege steht, zeigt sich: Es mangelt an Willen, also Compliance, und an Kompetenz – und zwar sowohl aufseiten der Patienten als auch der Heilberufler.


Patienten ohne Kochkompetenz

Was die Patienten betrifft, so sehen Hausärzte wie in den Jahren zuvor als Hauptproblem die mangelnde Disziplin, sei es, das Richtige (46 Prozent) oder die richtige Menge zu essen (45 Prozent). Zunehmend kritisch betrachten die Allgemeinmediziner die generelle Ernährungskompetenz der Patienten: Knapp jeder dritte API sagt, es fehle an Wissen über die Zusammenhänge von Ernährung und Gesundheit (30 Prozent), fast jeder vierte meint, es fehle ihnen an Kompetenz, gesunde Speisen zuzubereiten (23 Prozent). Jeder zweite Gynäkologe beklagt das fehlende Verantwortungsbewusstsein seiner Patientinnen (49 Prozent), Apotheker/PTAs sehen im Zeitmangel das Hauptproblem ihrer Kunden (42 Prozent): Sie „wollen ein Mittel, welches schnell wirkt und wollen häufig nichts an ihrem bisherigen Leben ändern“, beschreibt eine PTA die Situation im Handverkauf, ein Apotheker betont die Schwierigkeit, das Thema mangels geeigneter Touchpoints überhaupt anzusprechen: „Die Erwartung der Patienten ist nicht gegeben, in der Apotheke auf die Ernährung angesprochen zu werden. Man müsste zum Beispiel durch spezielle Aktionen darauf hinweisen.“


Heilberufler in Zeitnot

Auch die Ärzte nennen als Hauptbarriere in der ernährungsmedizinischen Beratung die mangelnde Zeit, insbesondere Gynäkologen (29 Prozent). Viele finden es schwierig, einen geeigneten Gesprächseinstieg zu finden, hinzu kommt die fehlende Vergütung: „Es ist nicht Aufgabe bei der Krebsvorsorgeuntersuchung, es wird nicht honoriert und es ist auch kein Zeitfenster vorgesehen.“ Dabei sehen einige Frauenheilkundler gerade bei Schwangeren gute Voraussetzungen, ernährungsmedizinisch etwas zu bewegen: „Die Grundlage der Stoffwechselprogrammierung erfolgt präpartal. Von daher sollte der Schwerpunkt der Beratung die Schwangerschaft und Kinderwunsch betreffen, insbesondere, da die Frauen zu dieser Zeit hochmotiviert für Verhaltensänderungen sind.“ Doch auch in dieser Situation lauern den Gynäkologen zufolge Fettnäpfchen: „Beispiel: Pat. BMI um 50/ Hypertonus und Kinderwunsch fühlt sich persönlich verletzt und schreibt schlechte Jameda-Kritiken.“
Jeder vierte API lässt sich durch die Bequemlichkeit seiner Patienten entmutigen, auch die Ignoranz und mangelnde Motivation der Patienten macht es ihnen schwer. Das Problem sei letztlich „Der Patient an sich“, die gefühlte Machtlosigkeit, um „Gewohnheiten der Menschen zu verändern, Einsichten umzusetzen, positive Anreize zu setzen“ sowie im Weiteren „am Ball zu bleiben, das muss nicht zwingend ärztliche Aufgabe sein.“


Bedarf an Ernährungs-Know-how

Insbesondere PTAs sprechen neben dem Zeitmangel auch mehrfach die fehlenden Fortbildungsmöglichkeiten an. Über die verschiedensten Ernährungsthemen melden sie den höchsten Infobedarf, gefolgt von Apothekern. Neben künstlicher Ernährung bräuchten die Pharmazeuten mehr ernährungsmedizinisches Know-how im Kontext chronischer Erkrankungen (Abb. 1).
Fachinfos zu Lebensmittelintoleranzen sowie Ernährung im Kontext kindlicher Entwicklung oder Schwangerschaft ist nicht nur für viele PTAs und Apotheker, sondern auch Hausärzte von Interesse. Zudem meldet jeder vierte Apotheker/PTA Beratungsbedarf im Bereich vegane Ernährung an (je 24 Prozent).


Vegan? Lehne ich ab!

Insbesondere die Hausärzte fremdeln weiterhin mit dem Thema Pflanzenkost, Tendenz allerdings sinkend. Ein Drittel der APIs sagt im Juli 2019, er kenne sich mit der veganen Ernährung (sehr) gut aus, im Mai 2017 war es nur jeder vierte. Der Anteil der Hausärzte, die zu diesem Thema nicht beraten, ist seitdem von 45 Prozent auf 35 Prozent gesunken. Zwei Drittel der APIs stehen der reinen Pflanzenkost jedoch weiterhin (sehr) skeptisch gegenüber (66 Prozent) und auch bei Gynäkologen und Apothekern/PTAs stößt der Veganismus auf vergleichsweise hohe Ablehnung. Beratungsinteressierte Patienten haben es bei diesem Thema also schwer.


Beratungsdilemma – Weiterbildung als Lösung?

Einen Ausweg aus dem vielschichtigen Beratungsdilemma könnte die geplante Einführung der Weiterbildung Ernährungsmedizin im Jahr 2020 bieten. Sie wird insbesondere von den Gynäkologen (74 Prozent) und den Apothekern/PTAs (64 Prozent) sehr begrüßt. Gut jeder zweite Gynäkologe sagt, er habe viele Patientinnen, denen er zukünftig eine Weiterbehandlung durch einen Facharzt für Ernährungsmedizin nahelegen werde.
Knapp 60 Prozent der Apotheker/PTAs äußern selbst großes Interesse an einer Weiterbildung Ernährungsmedizin. Die Hausärzte zeigen mit 46 Prozent etwas stärkere Zurückhaltung – möglicherweise wittern sie hier eine gewisse Konkurrenz: Jeder fünfte API hält den aktuellen Hype um die Ernährungsmedizin für übertrieben, 60 Prozent meinen, die kompetente ernährungsmedizinische Beratung ist Aufgabe des jeweiligen Haus- oder Facharztes.
So oder so: Alltagstaugliche Hilfestellungen für die Ernährungsberatung sind sehr willkommen: „Denken Sie an mehrsprachige, niederschwellige Infomaterialien, Flyer …“ – die Befragten geben diverse Tipps mit auf den Weg. ■
Anja Wenke, Soziologin M.A., ist Head of DocCheck Research und seit rund 20 Jahren im Bereich der Markt- und Werbeforschung tätig.
research.doccheck.com



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