Fachartikel

OKT2019
Ausgabe 6/2019, Seite 50 | 19-10-50-1

Pre-Tasks als digitale Vorbereitung von Fokusgruppen und Interviews

Schon Hausaufgaben gemacht?

Zwei Stunden sind schnell vorbei, wenn man sich angeregt unterhält. Gerade auch in einer Fokusgruppe lassen sich häufig nicht alle Fragen mit der notwendigen Intensität behandeln. Digitale Hausaufgaben können hier Abhilfe schaffen, sagen Ruth Anna Wakenhut und Jaqueline Fürwitt.
Fachartikel zu \Foto: © Asier Romero – Shutterstock
Eine bewährte Methode, um Forschungsfragen mehr Raum zu verschaffen, sind vorgelagerte Hausaufgaben: Solche Pre-Tasks werden in der qualitativen Forschung eingesetzt, um Interviews, Gruppendiskussionen oder Workshops gezielt vorzubereiten. Dabei setzen sich die Teilnehmer bereits vorab aktiv mit dem Thema oder Produkt auseinander, indem sie kleinere Aufgaben bearbeiten. Durch die Pre-Task-Ergebnisse erhält der Moderator erste Einblicke und kann thematische Schwerpunkte für die Gespräche festlegen.
Die Erfahrung zeigt, dass die Probanden insgesamt fokussierter in die Gruppen gehen, die Diskussionen werden im Vergleich als inspirierter und reichhaltiger beschrieben. Es ist möglich, schneller in das eigentliche Thema einzusteigen und tiefer ins Detail zu gehen. Ein angenehmer Nebeneffekt ist auch, dass die Pre-Tasks die Verbindlichkeit der Terminvereinbarung erhöhen – Probanden, die ihre Hausaufgaben erledigt haben, erscheinen höchstwahrscheinlich auch zum Gespräch.


Digitale Unterstützung

Oft werden Pre-Tasks mit Stift, Papier und Fotos erstellt – was insbesondere bei einer ethnographischen Ausrichtung spannende Originale entstehen lässt, für die Durchführung jedoch eine logistische Herausforderung bedeutet: Die Einreichungen per Post oder E-Mail müssen sortiert, aufbereitet und eventuell ausgedruckt werden.
Hier kann eine Software (App) die Umsetzung erleichtern: Das Sammeln, Sichten und Weiterverarbeiten der Ergebnisdaten ist deutlich einfacher, der organisatorische Aufwand ist um ein Vielfaches geringer. Durch den Einsatz mobiler Geräte entstehen authentische Einblicke in die Lebenswelt der Konsumenten und die multimedialen Ergebnisse sind eine attraktive Ergänzung und Verdeutlichung der Gruppengespräche. Während der Feldzeit können Resultate live mitgelesen werden, was die Vorbereitung vereinfacht und bei Bedarf eine unterstützende Moderation der Hausaufgaben ermöglicht.
In den letzten Jahren haben mobile Pre-Task-Studien stetig an Beliebtheit gewonnen. Sie sind für Teilnehmer eine komfortable, alltagsnahe Lösung und erweitern das Methodenspektrum qualitativer Forscher.


Inspiration und Ideen

Digitale Hausaufgaben sind eine schnelle, flexible Methode, die einfach an unterschiedliche Forschungsfragen, Kunden und Branchen angepasst werden kann. Besonders oft werden Pre-Tasks eingesetzt, um den Kontext von Handlungen besser zu verstehen: Die Probanden werden gebeten, per Smartphone Kochvideos zu erstellen, sie dokumentieren vor Ort ihre Einkäufe, fotografieren ihr Outfit oder beschreiben von unterwegs den Weg zur Arbeit.
Neben dieser ethnographischen Ausrichtung werden Pre-Tasks auch zur thematischen Vorbereitung genutzt, um in der eigentlichen Gesprächszeit schneller und tiefer in die Fragestellung einsteigen zu können. Hierfür werden die Teilnehmer beispielsweise zu einer Recherche aufgefordert, sie testen ein neues Produkt – etwa eine App – oder sichten und bewerten Konzeptideen.


Kombinierte Methode

Die meisten digitalen Pre-Tasks finden im Online-Offline-Mix vor klassischen Fokusgruppen oder Interviews statt. Immer öfter werden sie auch mit Online-Fokusgruppen via Webcam oder Textchat kombiniert, denn gerade bei spitzen Zielgruppen oder beim Test von digitalen Produkten oder Konzepten kann eine komplett digitale Studie eine gute Lösung sein. Die Bearbeitungszeit von Pre-Tasks variiert zwischen wenigen Minuten und mehreren Tagen, etwa bei Alltagsdokumentationen oder Produkttests. Die Hausaufgabe ist jedoch immer nur ein Auftakt und eng gekoppelt an den anschließenden Austausch, hier liegt der Forschungsschwerpunkt. Diese Kombination aus individueller Perspektive und Gruppenmeinung macht den Pre-Task-Ansatz für die qualitative Forschung spannend, so können auch in kompakten Studien vielfältige und tiefe Ergebnisse gewonnen werden. ■

Pre-Tasks im Praxis-Einsatz

„Konsumentenverhalten ist ein wichtiger Pfeiler zur Erklärung handlungsrelevanter Motive. Ethnographie gibt uns dabei einen realistischen Einblick in die Welt der Konsumenten. Noch vor Interviews oder Gruppendiskussionen lernen wir die Zielgruppen unserer Kunden kennen, erlangen Einblicke in deren Gewohnheiten, genutzte Produkte und verwendete Marken, und können so unsere Analyse mehrwertig vorbereiten und anreichern, was letztlich auch unsere Kunden zufriedener macht.“
Markus Küppers, Geschäftsführer, september Strategie & Forschung

„Wir haben Pre-Tasks bereits in verschiedenen Studien erfolgreich eingesetzt, unter anderem um Teilnehmende für komplexe Themen oder sehr alltägliche Phänomene zu sensibilisieren. Aber auch bei der Vorbereitung von Gruppendiskussionen oder Interviews leisten Pre-Tasks wertvolle Dienste, indem die Einstellungen und Verhaltensweisen der Teilnehmenden transparent werden und so in der anschließenden Evaluation gezielt vertieft werden können. Das Zusammenspiel von Pre-Tasks mit klassischen qualitativen Methoden macht diese um ein Vielfaches effizienter und bringt inhaltlich klaren Mehrwert.“
Michael Weis, Market & User Experience Research Specialist, Swisscom

„Das Aufdecken von Emotionen und unartikulierten Wünschen von Zielgruppen ist unser Schwerpunkt. Als Vorbereitung von Face-to-Face Research setzen wir dabei regelmäßig mobile Pre-Tasks ein: Leicht und spielerisch zu bedienende Aufgaben erzeugen bei den Teilnehmern hohes Engagement und Beschäftigung mit dem Thema. Im Interview können wir dann individuell auf dem vorab Gelernten aufbauen und die Face-to-Face-Zeit optimal nutzen.“
Dr. Sibylle Schmidt, INTULOGIC, Hamburg/München
Ruth Anna Wakenhut ist Soziologin und bei KERNWERT verantwortlich für internationale Studien und die methodische Beratung und Weiterentwicklung.

Jaqueline Fürwitt ist Kommunikationswissenschaftlerin. Sie berät und begleitet bei KERNWERT bei der Planung und Umsetzung von digitalen qualitativen Studien.
www.kernwert.com

 


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