Fachartikel

OKT2019
Ausgabe 6/2019, Seite 18 | 19-10-18-1

60 Jahre Infas: Interview mit CEO Menno Smid

Maximale Transparenz

Das Bonner Sozialforschungsinstitut Infas feiert in diesem Jahr sein 60-jähriges Bestehen. Research & Results sprach mit Menno Smid, dem Mann, der das Unternehmen seit über 30 Jahren maßgeblich prägt.
Interview mit CEO Menno Smid (Foto)Foto: © Unternehmen
RR: Herr Smid, können Sie sich noch daran erinnern, als Sie 1986 zum ersten Mal das damalige Infas-Gebäude in Bonn betreten haben?

Smid: Ja, das war eine klassische Bewerbungssituation in einem viel zu großen Kreis, wie ich fand. Es war sogar einer der Institutsgründer mit dabei. Als das Gespräch beendet war, hatte ich kein gutes Gefühl. Ich meinte, ich hätte zu viel über multivariate Statistik doziert. Das Gefühl war falsch, ich wurde eingestellt.


RR: Als Geschäftsführer war Ihre erste Herausforderung, Mitte der 1990er Jahre Infas vor dem Aus zu retten. Da wurden Sie als Statistiker eiskalt ins kaufmännische Wasser geschmissen. Wie gelang Ihnen das und was hat Ihnen geholfen?

Smid: Von den verschiedenen Gesellschaften, die Infas ausgemacht hatten, war die Sozialforschung, die ich leitete, die einzige mit positivem Ergebnis. Zentral für die Fortführung von Infas war damals auch: Ich war nicht allein, sondern es gab eine diskussionsfreudige Gruppe von vier Soziologen. Alle waren felsenfest überzeugt, dass man das alles besser machen kann, ohne den Anspruch aufzugeben, Wissenschaft zu betreiben. Mir kam sicherlich entgegen, dass ich ein Freund von Zahlen bin. Darüber hinaus bin ich als Industriesoziologe schon immer an betriebswirtschaftlichen Prozessen interessiert gewesen. Unterschwellig spielte sicherlich auch eine Rolle, dass meine Vorfahren sowohl mütterlicher- wie auch väterlicherseits hanseatische Kaufleute waren. Daraus ergaben sich ein paar Grundsätze, die zu Hause und auch im Alltag durchdekliniert wurden: Es kann nur das ausgegeben werden, was man verdient hat, und wenn du erfolgreich bist, rede nicht darüber, sondern tue lieber Gutes und sei auf schlechte Zeiten vorbereitet. Und so haben wir bis heute keinerlei Schulden und sind im Marketing in eigener Sache sehr zurückhaltend. Mein Unternehmenskommunikator – immerhin gibt es ihn – kann ein Lied davon singen. Übrigens, die „Gründungsmafia“, wie wir mal auf einem langen Betriebsfest genannt wurden, ist immer noch an Bord.


RR: Neben dieser wirtschaftlich beachtlichen Leistung: Auf welche Meilensteine sind Sie besonders stolz?

Smid: Persönlich bin ich stolz darauf, dass wir inzwischen auch bei Projekten mit einem sehr komplizierten Erhebungsdesign vollständig transparent sind. Studien sind bei uns inzwischen ein klarer und flexibler industrialisierter Fertigungsprozess zur Produktion sozialwissenschaftlicher Daten. Hier ist die Digitalisierung ein Segen, sodass wir komplizierte Projekte lieben gelernt haben. Sie kann aber auch Probleme bereiten, und in der Branche ist das teilweise auch zu erkennen.


RR: Inwiefern?

Smid: Nun, 44 Prozent der etwa 20 Millionen jährlich durchgeführten Interviews werden durch Accesspanels generiert, sind also im Grundsatz internetbasiert. Das Problem ist, dass manche Bevölkerungsgruppen in diesen Panels systematisch unterrepräsentiert sind, etwa Senioren, Jugendliche mit geringem Bildungsabschluss oder Top-Manager. Streng genommen sind somit keine Schlüsse auf die Grundgesamtheit zulässig. Darüber hinaus ist der Erhebungsprozess intransparent und manipulierbar, sodass mit unbekannten systematischen Fehlern zu rechnen ist. Mit dieser Form der Digitalisierung ist eine Datenproduktion entstanden, die nur einen Vorteil hat: Sie ist konkurrenzlos billig. Das führt zu einem Preisverfall, mangelnder Transparenz und damit heftigen Qualitätsproblemen. Natürlich gibt es Fragestellungen, die mit Accesspanels beantwortet werden können, keine Frage. Aber das sind vergleichsweise wenige. Uns bleibt bei dieser Lage nur eins: selbst Panels aufzubauen, die maximale Transparenz gewährleisten, wie etwa bei Infas quo.


RR: Mit der Digitalisierung treten auch neue Firmen mit neuen Methoden auf den Plan. Stehen Ihnen als Statistiker der alten Schule bei Start-ups wie Civey die Haare zu Berge?

Smid: Was heißt alte Schule? Wahrscheinlichkeitstheorie ist zeitinvariant, und wer mit Stichproben arbeitet, muss sich mit ihnen auseinandersetzen, am besten bereits bei der Stichprobenziehung. Gestern wie heute und auch morgen. Civey ist ein von Medien gesponsertes und mit Fördergeldern reich ausgestattetes Geheimlabor, ein typischer Start-up der Moderne: voll digital und komplett intransparent. Von Civey erhält man keine Datensätze, sondern nur Prozentwerte einzelner Variablen. Man kann also keine Zusammenhangsanalysen im einfachsten Fall über Korrelationen machen oder prüfen. Obendrein ist die Rekrutierungsart stichprobentheoretischer Unsinn. Zumindest wenn man den Anspruch hat, verallgemeinerbare Ergebnisse zu liefern. Die Inklusionswahrscheinlichkeit der von Civey befragten Personen kann grundsätzlich nicht bestimmt werden. Es ist ein alter Grundsatz der Wissenschaft, dass ein Ergebnis nachvollziehbar und auch von Dritten überprüfbar sein muss. Insofern verfolge ich die Debatte mit Interesse.


RR: Zurück zu Infas: 2014 wurde Infas 360, 2017 Infas Quo gegründet. Eigene GmbHs, die sich selbst am Markt beweisen müssen. Mit Erfolg?

Smid: Die Grundidee ist, mit guten neuen Leuten, die andere fachliche Hintergründe haben, auf eine innovative Art eigenverantwortlich auf die Anforderungen des Marktes zu reagieren. Das klappt. Es gibt tolle neue Ideen und Projekte und die Gesellschaften befinden sich auch wirtschaftlich im Plan.


RR: Haben Sie eigentlich eine Infas-Lieblingsstudie?

Smid: Ja, mehrere! Aus dem Mainstream klassischer Projekte der Sozialforschung fällt allerdings die „Vermächtnisstudie“ heraus, die wir zusammen mit dem WZB (a.d.R. Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) und der Zeitung „Die Zeit“ durchführen: methodisch anspruchsvoll und innovativ, soziologisch auf dem neuesten Stand und zudem mit dem Anspruch, die Ergebnisse auch zu vermitteln und in konkrete Umsetzungsprojekte münden zu lassen. Noch nie dagewesen, sowas. Toll!


RR: Apropos Vermächtnis: Sie sind Vorstandsvorsitzender der Infas Holding, Geschäftsführer des Infas Instituts und Mitglied der Geschäftsführung in den Holding-Töchtern Infas 360 und Infas Quo. Wie soll Ihre Nachfolge aussehen und wie möchten Sie diese zeitlich gestalten?

Smid: Ich beschäftige mich schon länger damit und das nicht nur abstrakt. Ich bin da sehr zuversichtlich im Hinblick auf Zeitpunkt und Personen. Aber zunächst habe ich ja noch einen Vertrag über die nächsten drei Jahre.
Infas

Das Infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft mit Hauptsitz in Bonn wurde 1959 gegründet und ist ein Institut für Markt- und Sozialforschung, das für Unternehmen, Wissenschaft, Politik und Verwaltung forscht und diese berät. Geschäftsführer ist Menno Smid. Das Institut ist eine Tochter der Infas Holding AG (vormals Action Press Holding AG) und ein Schwesterunternehmen von Infas 360 (gegründet 2015) und Infas quo (gegründet 2017). Smid ist seit 2009 Vorstandsvorsitzender der AG.
www.infas.de
Interview: Sonja Mayer


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