Fachartikel

SEP2019
Ausgabe 5/2019, Seite 58 | 19-09-58-1

Tiefenpsychologische Forschung: Generation Z und Instagram

Ich Insta, also bin ich

Als Gegenentwurf zur Realität schafft sich die Generation Z auf Instagram eine heile, kontrollierbare Parallelwelt. Ines Imdahl hat den Insta-Code tiefenpsychologisch unter die Lupe genommen und spannende Insights über Gen Z generiert.
Fachartikel zu \Foto: © Markus Mainka – fotolia.com, Unternehmen
Was ist das Besondere an der Gen Z? Welche Wünsche, Sorgen und Nöte hat sie? Und was treibt sie eigentlich auf Instagram? Diesen Fragen ging Lönneker & Imdahl rheingold salon im Auftrag des Industrieverbands Körperpflege- und Waschmittel (IKW) in drei tiefenpsychologisch- repräsentativen Studien nach. 100 junge Menschen zwischen 14 und 22 Jahren wurden dabei auf die Couch gelegt und über 3.000 in Online-Panels befragt.


Sehnsucht nach Sicherheit

Im Zentrum des dritten Studienteils steht die Entschlüsselung des Instagram Codes. Die Basis: Die größte Sorge der Jugendlichen ist es, die Kontrolle zu verlieren. Anders als vorherige Generationen leben die jungen Menschen in einer Welt, die aus ihrer Sicht von gesellschaftlichen und familiären Krisen geschüttelt ist. Jedes Kind kennt auseinandergebrochene Familien oder lebt bereits in einer. Die Angst, als Nächster an der Reihe zu sein, führt zu einer großen Sehnsucht nach Sicherheit. Krisen im gesellschaftlichen Umfeld – etwa Flüchtlinge, Klima, politische Entwicklungen in umliegenden Ländern – steigern das Gefühl, das Leben könnte komplett aus den Fugen geraten. Und wie bei jeder pubertierenden Generation ist auch die körperlich-hormonelle Veränderung nicht kontrollierbar: Haare werden fettig, der Geruch unangenehm, Pickel sprießen, und die aufkeimende Sexualität ist eher peinlich.


Zwei Strategien gegen den Kontrollverlust

Diese Pubertäts-Veränderungen wiegen vor dem Hintergrund des gesellschaftlich-familiären Kontextes heute schwerer als früher. Kontrolle wiederzugewinnen ist oberstes Ziel. Strategien gegen den gefühlten Kontrollverlust gibt es – diese sind den Jugendlichen jedoch nicht durchgängig bewusst. Die Behandlung des Äußeren und die Erschaffung einer heilen Parallelwelt sind zwei davon:

1. Existenziell: Optimierung des Äußeren

Fühlen sich die Jugendlichen zwar auf gesellschaftlicher und familiärer Ebene machtlos, so ist das Äußere beeinflussbar. Wie keine Generation zuvor möchte die Gen Z ihre „Oberfläche“ optimieren – wie keine zuvor „investiert“ sie in Kosmetikprodukte. Dies gilt auch für junge Männer, die sich vor allem auf Haarpflege und Deo konzentrieren. Eklige Pickel, fiese Körpergerüche und brüchige Nägel können mit Kosmetikprodukten „kontrolliert“ werden. Und weil das so wichtig ist, bewertet die Jugend andere auch stärker anhand des Äußeren: Über 60 Prozent glauben, den Charakter eines Menschen daran erkennen zu können. Nicht nur über das „peinliche“ Äußere, sondern auch über das chaotische Innenleben gewinnt die Gen Z über die Perfektionierung ihrer Erscheinung die Kontrolle zurück. So paradox es ist: Das Äußere ist für die Jugendlichen alles andere als oberflächlich, es ist existenziell.

2. Kontrollierbar: Instagram als Parallelwelt

Instagram ist für Jugendliche eine fast perfekte Parallelwelt. Alles Böse und Fiese muss draußen bleiben. Hier wird der Traum einer kontrollierbaren, selbstbestimmten Welt gelebt, in der fast jeder berühmt ist. Der Insta-Code entschlüsselt die Motive der jungen Menschen, ein Leben auf Instagram den Entwicklungen in der analogen Realität vorzuziehen.

Erschaffung heiler Traumwelten
Auf Insta gelingt die Flucht vor der Realität: Alles ist #beautiful und #inspiring. Das böse Weltgeschehen soll „draußen“ bleiben. Entsprechend interessiert hier kaum Tiefgründiges: Wirtschaft oder Politik ist fast irrelevant, interessant sind Sport, Mode und Lifestyle – und das trotz Fridays for future (Abb. 1). Die perfekte Oberfläche ist hier erreichbar – dank Filter und Bearbeitungsmöglichkeiten fühlen sich die Jugendlichen hier sicher und „in charge“.

Narzisstische Verbesonderung
Likes, Reichweiten und Follower sind die neue Währung. Dabei ist fast jeder narzisstisch genug zu glauben, er habe mehr Abonnenten verdient als andere – etwa: „Ich habe so 2.000 Follower, aber ich folge nur so 150 – die Leute interessieren sich halt für mich.“ Abonnenten und Reichweiten sind das neue Status- und Potenzsymbol: „Es geht um Reichweite – wen man erreicht, bis wo man reicht.“ Superlative, mit denen sich die Jugendlichen gegenseitig kommentieren, wie Hübscher, Cutiest, Schönste etc., steigern Narzissmus und Besonders- Sein. Und: 30 Prozent der Jugendlichen wollen berühmt werden – zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es 14 Prozent.

Exhibitionistische Tendenzen
Auf Insta gibt es eine klare Zeigelust. Der weibliche Exhibitionismus, der in der Gesellschaft ohnehin immer akzeptierter war als der männliche, kann hier besonders ausgelebt werden. War der Narzissmus sich früher selbst genug, ist die Kombination mit dem Exhibitionismus neu: Selbstliebe reicht nicht mehr, sie muss auch öffentlich zur Schau gestellt werden.

Abhängigkeit und besinnungsloses Abhängen
Entspannung und Abhängigkeit gehen auf Insta ineinander über. Viele beschreiben sich direkt als süchtig – möchten dies aber auch nicht ändern. „Also ich bin acht bis neun Stunden auf Insta, auch während der Schule – da am meisten.“ Jenseits von Instagram fällt die Konzentration vielen schwer – auch in der Schule. 35 Prozent der Schüler sind täglich während der Schulzeit online.

Digitale Inspiration und Identitätsfindung
Inspiration ist zentrales Thema (inspirare = (Leben) einhauchen). Ohne Insta fühlen sich die Jugendlichen weniger lebendig – für manche wäre es gar eine „Todesstrafe“. Erst durch InstaInstagram finden viele Jugendliche zu ihrer Identität. Ihr Selbst- und Selbstwert-Gefühl ist ein digitales. War Selbstfindung früher vor allem durch die Auseinandersetzung mit sich und anderen geprägt, gelingt sie heute durch die Perfektion der Posts und die Anzahl der Follower: Ich Insta – also bin ich.

Standardisierte Privatheit
Dabei ist die besondere Individualität gar nicht so ausgeprägt, wie es scheint. Fast alles auf Insta entspricht standardisierten Codes: Posen, Kopfhaltungen, Filter. „Privates“ wird nur geteilt, solange es in die heile, kontrollierbare Welt passt. Jugendliche möchten oft aber nicht, dass andere sehen, wenn sie früher beispielsweise einmal dick waren. Sie löschen den Style, der ihnen nicht mehr gefällt, und auch die Posts mit Freunden, von denen sie sich getrennt haben. Emotionen und Geschichten können verwickeln und angreifbar machen – sie gehören in den Bereich des Nicht-Kontrollierbaren. Sie werden vermieden, um den Traum der Unverwundbarkeit auf Instagram zu konstruieren.


Digitale Identitäten

Als Fazit zu Instagram und Generation Z lässt sich festhalten: Die Konstruktion einer perfekten Welt schafft Unverwundbarkeit. Likes, Reichweiten und Follower sind die neue Währung für das eigene Selbstwertgefühl – und schaffen eine neue digitale Identität. ■
Ines Imdahl ist Diplom-Psychologin und Geschäftsführerin von Lönneker & Imdahl rheingold salon. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der psychologischen Markt- und Kulturpsychologie, besonders im Bereich Frauen- und Jugendforschung sowie Werbungwirkungsforschung. Zuvor hat sie als Geschäftsführerin und Inhaberin beim rheingold Institut eine der renommiertesten internationalen Adressen für tiefenpsychologische Markt- und Medienforschung mitgeprägt und aufgebaut.
www.rheingold-salon.de


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