Fachartikel

APR2019
Ausgabe 2/2019, Seite 12 | 19-04-12-1

Interview mit Civey-Chefin Janina Mütze

Scheut keinen Konflikt

Die Themen Repräsentativität und Stichprobenqualität haben die diesjährige GOR mitgeprägt. Eine gute Gelegenheit für uns von Research & Results, mit Janina Mütze ins Gespräch zu kommen. Sie ist Mit-Gründerin und Geschäftsführerin von Civey, einem der Hauptakteure der aktuellen Debatte.
Civey in Mitten der Qualitätsdebatte. Interview mit Research & ResultsFoto: © shchus – Fotolia.com
RR: Miteinander reden statt übereinander – das war ein Anliegen der Session zur Stichprobenqualität auf der GOR. Teilnehmer der Diskussionsrunde waren außer Ihnen und Ihrem Kollegen Tobias Wolfram Florian Tress von Norstat und Thorsten Thierhoff von Forsa. Wie fanden Sie’s?
Mütze: Der Andrang zur Session hat das hohe Interesse an der Zukunftsdiskussion und an unseren Lösungen gut widergespiegelt. Wir haben unsere Mitbewerber 2018 mehrfach zum persönlichen Gespräch eingeladen. Leider gab es bis dato keine positive Rückmeldung. Das ist schade, weil ehrlich geführte Fachdiskussionen immer zielführender sind als medial geführte Schlammschlachten.

RR: Beim Vortrag Ihres Kollegen über Multilevel-Regression und Poststratifizierung konnte man auch in einige ratlose Gesichter blicken. Wie war Ihr Eindruck? Und: War das Taktik?
Mütze: Ein anderes Branchenmedium beschrieb den Vortrag als „Leckerbissen für Methodiker“. Auch ich kann Ihre Einschätzung nicht teilen. Wir haben ein sehr hohes Interesse gespürt und spannende Gespräche auf der Konferenz geführt. Ein so komplexes Modell wie Multilevel Regression with Poststratification in einem 15-Minuten-Vortrag für alle zugänglich zu machen, ist keine leichte Übung. Ich denke, dass wir einen Teil der Zuhörer mit praktischen Use Cases wie den Wahlumfragen bei Xbox-Spielern gut abgeholt haben.

RR: Sie wurden auf der GOR mehrfach dazu aufgefordert, Ihre Methode, die an den Standards der Branche rüttelt, zu validieren. Wann ist mit einer externen Validierung zu rechnen?
Mütze: Wir testen und validieren unsere Methoden kontinuierlich. Das gehört zur agilen Arbeitsweise und neuen Technologie einfach dazu. Seit unserem Markteintritt wurden wir als neuer Anbieter regelmäßig von unseren Kunden getestet und validiert. Wir fühlen uns selbstverständlich zuerst unseren Kunden verpflichtet, nicht unseren Wettbewerbern. Aber auch das allgemeine Brancheninteresse wollen wir natürlich befriedigen. Seit unserer Gründung arbeiten wir mit wissenschaftlichen Instituten zusammen und planen, im Laufe des Jahres auch Ergebnisse zu veröffentlichen.

RR: Auf Ihrer Website werben Sie um neue Mitarbeiter, die mit Ihnen „die Welt der Meinungsforschung aufmischen“ wollen. Warum ist Ihrer Meinung nach ein Aufmischen nötig, und was ist Ihr Plan?
Mütze: Die gesamte Branche steht doch vor massiven Herausforderungen. Die Teilnahmebereitschaft bei Telefonbefragungen ist so niedrig, dass man von einer Zufallsauswahl nicht mehr sprechen kann. Gleichzeitig macht sich Online-Forschung weiterhin klein und scheut den Konflikt. Als neuer Player müssen wir uns im Markt positionieren. Das machen wir.

RR: Civey bezeichnet sich als Opinion-Tech-Unternehmen, als Lieferant für Meinungsdaten. Wie sieht es mit der Marktforschung aus – werden Sie auch dieses Terrain in Angriff nehmen?
Mütze: Ich kann diese Frage so nicht beantworten, da wir ja heute schon Marktforschung machen.

RR: Wie würden Sie dann Markt- und Meinungsforschung voneinander abgrenzen?
Mütze: Im Zentrum unserer Erhebungen steht die Meinung einzelner, die bei uns rund um die Uhr abgegeben wird. Diese Meinung kann zu Zwecken der Markt- und Meinungsforschung aggregiert werden. Politische Akteure stellen andere Fragen als Unternehmen. Am Ende eint sie das Interesse an ihrer Zielgruppe.

RR: Der ehemalige Forsa-Geschäftsführer Joachim Koschnicke und die frühere Bundesministerin Brigitte Zypries gehören Ihrem Beirat an. Mit welchen Argumenten haben Sie die beiden überzeugt, sich für Civey zu engagieren?
Mütze: Wir haben seit 2018 einen Beirat, dem neben Brigitte Zypries und Joachim Koschnicke renommierte Wissenschaftler und Praktiker aus der Marktforschung angehören. Sie alle eint die Begeisterung für unsere Technologie, die die Möglichkeiten klassischer Markt- und Meinungsforschung massiv erweitert und damit neue Chancen öffnet.

RR: Manche Marktteilnehmer werfen Ihnen vor, dass Ihre Rekrutierungspraxis keine repräsentativen Ergebnisse produziert. Wie stehen Sie dazu?
Mütze: Die von Konkurrenten geführte Diskussion konzentriert sich sehr stark auf den Bias. Wie wir wissen, gibt es bei jeder Erhebungsform Verzerrungen. Jede Erhebungsmethode hat ihre Vor- und Nachteile. Und bleiben wir ehrlich: Alle Marktteilnehmer gewichten und wenden Modelle an. Das wiederum ist nicht schlimm, solange die Modelle gut sind und die richtigen Annahmen getroffen werden. Teile der Rekrutierung, die wir anwenden, sind neu in Deutschland. Die Modelle basieren allerdings auf anerkannten wissenschaftlichen Verfahren. So ist beispielsweise die AAPOR (American Association for Public Opinion Research – Anm. d. Red.) schon vor einigen Jahren zu dem Schluss gekommen, dass Non-Probability- Stichproben sehr wohl zu repräsentativen Ergebnissen führen können.

RR: Civey liefert seit 2015 Meinungsdaten und beschäftigt inzwischen mehr als 60 Mitarbeiter. Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in zwei Jahren?
Mütze: Wir sind stolz auf das, was wir in kurzer Zeit in Deutschland aufgebaut haben. In zwei Jahren werden wir in weiteren europäischen Ländern ebenso erfolgreich tätig sein.

RR: In einem Interview sagten Sie, Sie wollten sich einen längeren Urlaub gönnen, wenn Civey schwarze Zahlen schreibe. Werden Sie denn 2019 ausgiebig verreisen?
Mütze: Ich bin in diesem Jahr bereits für mehrere Wochen verreist und habe einen weiteren Urlaub im Kalender. Gleichzeitig macht der Aufbau von Civey zu viel Spaß, als dass ich häufig an den nächsten Urlaub denken würde. Für den Ausgleich und einen freien Kopf ist es aber natürlich wichtig. ■

Zur Person
Janina Mütze ist Mitbegründerin und Geschäftsführerin von Civey. Im Juni 2018 wurde die studierte Volkswirtin vom Wirtschaftsmagazin Forbes in die „30 Under 30“-Liste gewählt, in der Kategorie „Technologie“.
www.civey.com

Interview: Sabine Weich


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