Fachartikel

FEB2019
Ausgabe 1/2019, Seite 54 | 19-02-54-1

Generationen-Analyse zur Nutzung von Informationsquellen

Eine Frage des Alters

Verwenden die unterschiedlichen Altersgruppen herkömmliche und neuere Medien wirklich so unterschiedlich? Und hat das Fernsehen als Nachrichtenquelle Nummer eins ausgedient? Johannes Schneller kann einige Klischees bestätigen, wartet aber auch mit überraschenden Resultaten auf.
Abb. 1: Gestern tagesaktuell informiert nach Altersgruppen. Fachartikel erschienen in Research & Results-Magazin 1/2019Foto: © Kzenon – Fotolia.com, Unternehmen
Im Jahr 1996 hatten lediglich vier Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren – meist computerinteressierte und IT-versierte Personen – Zugang zum Internet. Erst am Ende des Jahrzehnts stand das Internet an der Schwelle zum Massenmedium. Die Nutzung breitete sich immer rascher aus, zunächst in der mittleren Generation und etwas später vor allem in der jungen Generation.

Junges Medium für die Jungen

Lange Zeit wurde das Internet immer jünger. Zum Teil ist dies auf die Struktur des Angebots zurückzuführen, das auf die Vorlieben eines jüngeren Publikums ausgerichtet wurde und Interessen und Vorlieben dieser Lebensphase bediente. Die Nutzung einiger digitaler Angebote der Information, Unterhaltung und Kommunikation wurde mit dem Hineinwachsen in ältere Lebensphasen wieder reduziert oder aufgegeben. Auf anderen Feldern aber hat die jüngere Generation die Rolle der Avantgarde übernommen, die sie bis heute auszeichnet. Hier folgt ihr die mittlere und ältere Generation sukzessive.

Ältere rücken nach

Betrachtet man die Internetnutzung insgesamt, haben die Altersgruppen bis unter 60 Jahre zu den Jüngeren aufgeschlossen. Bei den unter 30-Jährigen liegt die Internetbeteiligung heute bei 99 Prozent, bei den 30- bis 44-Jährigen bei 96 Prozent und bei den 45- bis 59-Jährigen bei 91 Prozent. Größeren Nachholbedarf haben die über 60-Jährigen. Von ihnen nutzt bisher nur etwa jeder Zweite das Internet.

Bei der mobilen Internetnutzung ist die Altersstruktur noch stärker vom Vorangehen der Jüngeren geprägt, auch wenn zurzeit die 30- bis 44-Jährigen und die 45- bis 59-Jährigen deutlich aufholen.

Mediennutzung hat sich verringert

Trotz der Ausweitung des Kreises der Internetnutzer und der deutlichen Intensivierung der Nutzung – mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist praktisch die ganze Zeit oder zumindest mehrmals am Tag online – hat sich die gesamte tägliche Mediennutzungszeit der Bevölkerung in den letzten zehn Jahren etwas verringert. Das ist das bemerkenswerte Ergebnis der ARD/ZDF-Langzeitstudie „Massenkommunikation“, die für acht Mediengattungen 2005 ein aufsummiertes Zeitbudget von zehn Stunden (einschließlich Parallelnutzung) gemessen hat und bei den Wiederholungen 2010 und 2015 9:43 Stunden und 9:26 Stunden ermittelte. Die bis 2005 registrierte Ausweitung der Mediennutzungszeit war hauptsächlich auf eine verstärkte Parallelnutzung zurückzuführen. Offenbar sind jetzt aber auch hier die Kapazitätsgrenzen erreicht und die Ausweitung der Nutzung in einer Gattung ist mit einer Verringerung vor allem der Nutzungsintensität in anderen Gattungen verbunden.

Jüngere informieren sich im Web

Jährlich wiederholte Untersuchungen wie die Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (AWA) oder die Allensbacher Computer- und Technikanalyse (ACTA) ermöglichen genauere Analysen der Wechselwirkungen zwischen den etablierten Medien und den neuen, internetbasierten Digitalangeboten. Besondere Aufmerksamkeit erfährt zurzeit die durchgreifende Veränderung des Informationsverhaltens, etwa durch die wachsende Bedeutung sozialer Medien für die aktuelle Information. Auch hier fällt auf, dass die Verschiebungen die Altersgruppen sehr unterschiedlich betreffen. Das zeigen Stichtagsuntersuchungen, die die Nutzung von Nachrichtenmedien an einem durchschnittlichen Tag ermitteln. Für die unter 30-Jährigen ist zunächst kennzeichnend, dass sie sich nur zu 62 Prozent „gestern“ über das aktuelle Geschehen informiert haben. In dieser Altersgruppe ist das Internet als Nachrichtenquelle mit einer Nutzungsquote von 37 Prozent an einem durchschnittlichen Tag inzwischen zum wichtigsten Nachrichtenmedium avanciert – knapp vor dem Fernsehen mit 35 Prozent. Radio (21 Prozent) und Zeitung (12 Prozent) werden in dieser Altersgruppe deutlich seltener genutzt (Abb. 1).

Fernsehen an erster Stelle bei allen über 30

Schon in der folgenden Altersgruppe der 30- bis 44-Jährigen, die sich an einem durchschnittlichen Tag zu 80 Prozent über das aktuelle Geschehen informieren, liegt das Fernsehen mit beachtlichem Abstand vor dem Internet auf dem ersten Platz der genutzten Nachrichtenmedien. Am größten ist der Kontrast zwischen den unter 30-Jährigen und den 60-Jährigen und Älteren, die sich an einem Durchschnittstag zu 93 Prozent über das aktuelle Geschehen informieren. In dieser Gruppe hat sich der Stellenwert der Nachrichtenmedien in den letzten Jahren kaum verändert. Am häufigsten wird das Fernsehen genutzt (82 Prozent), gefolgt von der Tageszeitung (63 Prozent) und dem Radio (39 Prozent). Das Internet ist als Nachrichtenquelle von untergeordneter Bedeutung (13 Prozent).

Social Media als Informationsquelle

Im Nachrichtenkontext spielen die sozialen Netzwerke eine wachsende Rolle. Aktuell berichtet ein Viertel der Bevölkerung, sich in Facebook und anderen Netzwerken über das aktuelle Geschehen zu informieren, gemessen als weiter Nutzerkreis, nicht als die Nutzung „gestern“. Erwartungsgemäß ist die Bedeutung der Netzwerke als Nachrichtenquelle in den Altersgruppen sehr unterschiedlich. Von den unter 30-Jährigen bezieht jeder Zweite Nachrichten aus den Netzwerken, von den 30- bis 44-Jährigen jeder Dritte, von den 45- bis 59-Jährigen etwa jeder Fünfte und von den 60-Jährigen und Älteren nicht einmal jeder Zehnte.

Push-News auf Vormarsch

Push-News auf dem Vormarsch

Das Internet bietet die Plattform für weitere, zum Teil jüngere Dienste und Apps, die für die aktuelle Information genutzt werden. Dazu zählen Push-Nachrichten von Nachrichtenapps mit einem Nutzerkreis von 28 Prozent in der Bevölkerung, die interpersonelle Verbreitung von Nachrichten über SMS oder WhatsApp (22 Prozent), Newsletter per E-Mail (zwölf Prozent), WhatsApp-Nachrichten von Newssites (zwölf Prozent) und Twitter (sechs Prozent). In allen Fällen sind es die unter 30-Jährigen und eingeschränkt auch die 30- bis 44-Jährigen, die diese Angebote weit überdurchschnittlich nutzen (Abb. 2).

Impulsgetriebene Information nach Bedarf

Einigkeit nur in einem Punkt

Die Analysen verdeutlichen, dass die Generationen in sehr unterschiedlich strukturierten Nachrichtenwelten leben. Noch deutlicher wird dies, wenn man zudem die großen Unterschiede zwischen den Altersgruppen berücksichtigt, die in der Frage einer regelmäßigen, kontinuierlichen Information im Gegensatz zu einer impulsgetriebenen Information bei Bedarf bestehen (Abb. 3). Oder in der Frage einer Konzentration auf Schlagzeilen und Kurztexte im Gegensatz zu ausführlicheren Texten. Oder zu den Vorstellungen über das Zeitbudget, das für eine solide Information notwendig erscheint. In einem Punkt aber sind sich die Generationen weitgehend einig: Sie nutzen das Internet ganz überwiegend in Kombination mit anderen Newsmedien. Auch in der jungen Generation ist der Anteil derer, die Nachrichten ausschließlich aus dem Internet beziehen, sehr gering. ■


Dr. Johannes Schneller ist Leiter der Mediaforschung am Institut für Demoskopie Allensbach.
www.ifd-allensbach.de


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