Fachartikel

DEZ2018
Ausgabe 7/2018, Seite 28 | 18-12-28-1

Fluch oder Segen?

Digitalisierung im Healthcare-Markt

Auch vor der pharmazeutischen Industrie, vor Dienstleistern und Patienten machen Digitalisierung und künstliche Intelligenz nicht halt. Ein Ausblick auf Entwicklungen und deren Konsequenzen für Unternehmen, Dienstleister und Patienten – von Udo Jellesen.
Foto: © metamorworks – Fotolia.com
Die Digitalisierung bringt wesentliche Veränderungen in allen Bereichen – auch im Pharmasektor. Wer sich nicht früh genug darauf einstellt, wird mittelfristig vom Markt verschwinden. Global Player sowie besonders innovative Unternehmen werden an Bedeutung gewinnen und die Agenda der Gesundheitsversorgung in wesentlichen Aspekten mitbestimmen. Im Pharmamarkt betrifft die digitale Transformation im Wesentlichen fünf Bereiche: Diagnose und therapieunterstützende Maßnahmen, Prävention, Verbesserung der Mitarbeit der Patienten bei einer Therapie (Compliance), Pflege sowie Logistik.


1. Diagnostik und Therapieunterstützung

Informationsquellen
Schon heute steht Ärzten und Patienten eine Vielzahl digitaler Informationsquellen zur Diagnose einer Erkrankung zur Verfügung. Unternehmen wie Google, Amazon und IBM arbeiten daran, die verfügbaren Informationen zielgerichtet zu bündeln und professionellen Anwendern als Unterstützung in der Diagnostik zur Verfügung zu stellen. Vernetzte Großrechner tauschen Informationen aus und lernen mit jedem neuen Patienten, eine Diagnose zu verbessern. Sie analysieren anhand der geschilderten Symptome, welche Krankheit am wahrscheinlichsten ist – gerade für Haus- oder Landärzte von großer Bedeutung, da seltene Krankheiten mit einer höheren Wahrscheinlichkeit entdeckt werden.

Sprachassistenten
Der nächste Schritt ist, die Diagnoseunterstützung in der täglichen Praxisarbeit des Arztes bereitzustellen. Hierbei lassen sich Sprachassistenten im Verbund mit dem Netzwerk nutzen, die das Arzt-Patienten-Gespräch in Echtzeit verfolgen und Diagnosevorschläge unterbreiten. Auch Hinweise auf zusätzliche sinnvolle Fragen sind möglich, um zu einem Diagnose- und Therapievorschlag zu gelangen.
Darüber hinaus beginnen einzelne Unternehmen, Informationsdatenbanken für bestimmte Indikationen, etwa Diabetes, aufzubauen, damit Betroffene und Ärzte mittels Spracheingabe Fragen stellen und Antworten erhalten können.

Ferndiagnose und Therapie
Die Informationen werden künftig individueller bereitgestellt werden als heute: Suchhistorie, Patienten- und Arztinformationen bestimmen das Ergebnis. Ein Beispiel ist die Ferndiagnose via Smartphone, PC oder Tablet – in den USA gibt es dazu erste Versuche: Die Diagnose kann anhand von Blutdruck, Körpertemperatur, Puls, ja sogar Blutwerten, die sich mittels Sensoren via Smartphone übermitteln lassen, gestellt werden. Rezepte werden online verordnet und eingelöst. Die Apotheke sendet dem Patienten per (autonomem) Taxi oder bald vielleicht auch per Drohne das Medikament nach Hause. Die Notaufnahmen der Krankenhäuser werden so entlastet und einfache Fälle schnell und effektiv behandelt.
Zugegeben: Noch ist dies Zukunftsmusik. Aber bereits heute mit den vorhandenen Technologien umsetzbar. Denkt man an die medizinische Versorgung in wenig erschlossenen Gegenden dieser Welt, ergeben sich Möglichkeiten bedeutender Fortschritte in der Gesundheitsfürsorge.


2. Prävention

In unseren Zeiten bedeutet Prävention häufig mehr Bewegung, gesündere Ernährung und Vorsorge. Gewicht, Blutwerte und Herz- Kreislauf-System sind dabei wichtige Indikatoren. Schon heute laufen wir mit Fitness-Trackern und Smart Watches durch den Alltag, mit denen wir den Krankenkassen Daten zur Verfügung stellen können, um Rabatte zu erhalten. Zukünftig werden Sensoren und Mikrochips auch Blutwerte analysieren und damit beispielsweise Diabetes frühzeitig erkennen.


3. Verbesserung der Compliance

Die Mitarbeit der Patienten bei einer Therapie (Compliance) ist ein wichtiges Thema, da chronisch Kranke sich oft suboptimal therapieren. Viele vergessen die Einnahme oder Dosierung ihrer Präparate, andere nehmen die Medikamente nur bei akuten Schmerzen ein. Begleiterkrankungen, die durch mangelnde Compliance ausgelöst werden, verschlingen mitunter große Summen. So sehen wir etwa immer noch viele Diabetiker mit diabetischen Füßen oder einer diabetischen Retinopathie, die zur Erblindung führt.
Die Digitalisierung kann den Patienten bei der regelmäßigen Einnahme seiner Präparate unterstützen: aktiv, indem Sensoren den Bedarf messen und die entsprechenden Medikamente freisetzen, oder passiv, indem der Patient an den Zeitpunkt der Medikation erinnert wird. Diese Erinnerung kann durch Armband, Smartphone, Anruf oder Sprachassistenten erfolgen. Mittelfristig werden sich Sensoren durchsetzen, da sie effektiver und sicherer sind. Gelingt es durch den Einsatz digitaler Technologie, die Anzahl und Schwere von Folgeerkrankungen deutlich zu reduzieren, wäre das ein Quantensprung in der Gesundheitsfürsorge.


4. Pflege

In der Pflege sind besonders große Veränderungen möglich: von der kabellosen und ständigen Überwachung wichtiger Körperfunktionen über die Versorgung mit Nährstoffen bis hin zum unterstützenden Einsatz von Robotern im Bereich einzelner Leistungen der Pflegepersonen, die körperlich und/oder psychisch zu einer Belastung werden können. Die Pflege wird für die Gesellschaft zu einer immer größeren Herausforderung angesichts der Anzahl zu versorgender Menschen. Die Digitalisierung kann und wird helfen, diese Aufgaben zu bewältigen.


5. Logistik

Der Bereich der Logistik wird im Wesentlichen von autonomen Fahr- und Flugzeugen bestimmt werden, die es ermöglichen, Medikamente, aber auch Patienten in kürzester Zeit sicher über weite Strecken zu transportieren. So werden zum Beispiel Dialysepatienten künftig über ihr Smartphone oder via Sprachsteuerung mit Netzwerkanbindung ein selbst fahrendes Auto nach Hause bestellen und damit autonom zur nächsten Dialysestation fahren. Drohnen werden Medikamente ausliefern und Blutproben zur Analyse bringen. Es gibt bereits erste Tests amerikanischer Firmen in Afrika, in denen Drohnen Blutkonserven über Hunderte Kilometer transportieren.

Jetzt gefragt: Flexibilität und Innovationskraft

Marktforschung wird sich den veränderten Bedingungen anpassen (müssen) und neue Forschungsfelder bedienen. Insbesondere die Bereiche Therapie und Diagnose, die traditionell Kernkompetenzen der Healthcare-Marktforschung sind, werden mit neuen Themen und Fragestellungen noch an Bedeutung gewinnen. Auch die Methoden werden sich verändern: Immer größere Datenmengen werden verarbeitet werden, sehr viel stärker in Echtzeit erfasste Daten werden gemessen, klassischen Befragungsinformationen zugespielt und gemeinsam ausgewertet werden können. Damit kann Marktforschung insbesondere in den Bereichen Compliance und Therapieoptimierung einen wichtigen Beitrag leisten.

Digitalisierung bietet Chancen

Ist nun die Digitalisierung Fluch oder Segen? Wir können die Entwicklung nicht aufhalten, und es ist unsere Aufgabe, die Möglichkeiten zu nutzen und Schaden abzuwenden. Es bleibt eine Herausforderung, die Anwendungsmöglichkeiten in die richtigen Bahnen zu lenken und zu kontrollieren.
Wir erleben den vielleicht radikalsten Wandel in der menschlichen Geschichte. Nie waren Veränderungen so schnell und umfassend. Die Möglichkeiten der Digitalisierung aber können für die Menschheit, insbesondere in der Gesundheitsfürsorge, viel Gutes bewirken – wenn wir sie klug einsetzen.
Udo Jellesen verantwortet seit 2014 den Bereich Healthcare Research bei Interrogare. Davor sammelte er seine Expertise in der Pharmamarktforschung in über 20 Jahren bei EMNID/TNS-Healthcare/Kantar Health. Der Diplom-Ökonom war als Key Account Manager und Prokurist verantwortlich für die Geschäftsentwicklung mit diversen pharmazeutischen Unternehmen, darüber hinaus für den Ausbau des Multiclientgeschäfts.
www.interrogare.de 

 


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