Fachartikel

JUL2018
Ausgabe 4/2018, Seite 32 | 18-07-32-1

Tschüss, Servicewüste!

Serviceroboter: Gestaltungsfragen an die Mensch-Roboter-Interaktion

Als Werbegag im Einzelhandel wecken Roboter wie Pepper schnell die Neugier der Kunden. Wo die smarten Helfer zum Einsatz kommen können, wissen Janine Breßler und Katharina Müller.
Foto: © mast3r – Fotolia.com
Zukunftsvisionen von Science-Fiction-Autoren haben die Menschen bereits mit dem Begriff „Roboter“ vertraut gemacht, nun sind sie Realität geworden. Serviceroboter begegnen uns nicht mehr nur in der verarbeitenden Industrie, sondern zunehmend in unserem unmittelbaren Umfeld. Fiktionale Szenarien prägten Phantasmen einer reibungslosen Zusammenarbeit von Mensch und Maschine, zum Beispiel der Roboter als befreundeter Gefährte wie R2D2 aus „Star Wars“. Andere Einsatzorte, etwa als Pflegeroboter, lösen hingegen Ängste aus. Soll der Serviceroboter wirklich nur einem pflegenden Menschen assistieren oder ihn womöglich ersetzen? Die Antwort: Demografische Realitäten, gepaart mit einem wenig attraktiven Berufsbild, erzeugten einen Pflegenotstand. Pflegeroboter können da unterstützen. In Japan helfen sie bereits beim Heben von Patienten oder bei der Körperpflege.


Von antiken Automaten und falschen Schachrobotern

Heutige Roboter sind die Erfüllung von tradierten Wünschen, eine Maschine zu entwickeln, die dem Menschen zur Seite steht. Damit beschäftigten sich Techniker aller Zeiten. In Alexandrien zum Beispiel bauten Mechaniker bereits im dritten Jahrhundert vor Christus pneumatisch oder hydraulisch bewegte Automaten, später wurden daraus künstliche Bogenschützen. Auch in späteren Epochen versuchte man, den Menschen zu imitieren. Teilweise auch nur als Tarnung, wie der Schach spielende Automat: In seinem Gehäuse saß ein Schachmeister, der den Arm des Roboters bewegte. Philosophische Dispute, rund um das Leib-Seele-Problem und die Übertragung mentaler-physischer Zustände auf die Künstliche Intelligenz, schlossen sich an. Denn was mitschwingt, ist immer auch die Ethik-Frage: Darf man das? Wie ähnlich darf ein Roboter dem Menschen sein? In den Robotergesetzen Isaac Asimovs und John W. Campbells wird deutlich, dass der Roboter für den Menschen zu konzipieren ist und ihn niemals gefährden darf.

Fotos: Unternehmen, Matthias Friel, Bernd Schlütter

Noch Roboter oder schon Mensch?

Bei der Gestaltung des Roboters gibt es verschiedene Ansätze: Gibt man ihm ein möglichst menschenähnliches Aussehen oder macht man bewusst technische Elemente sichtbar? Bei zu menschlichen Robotern kann der „Uncanny-Valley-Effekt“ einsetzen, das heißt, wenn eine Abweichung vom erwarteten Verhalten auftritt, empfindet der Mensch sie als irritierend. Sind Gangmuster oder Körperbewegungen zum Beispiel zu abrupt, wird dies als störend empfunden. Dieser „KI-Akzeptanz-Effekt“ kann umgangen werden. Ist der Roboter als solcher erkennbar, werden Abweichungen des zu erwartenden Verhaltens toleriert. Der Roboter wird hierfür bewusst technisch belassen, statt eines Kopfes verwendet man beispielsweise einen Bildschirm, die Stimme wird teilweise verfremdet. Was heißt das für den verbreiteten Einsatz von Servicerobotern? Wie müssen sie konzipiert sein, damit sie flächendeckend eingesetzt und akzeptiert werden?

 
Digitaler Bibliothekar

Roboter-Forschung wird weltweit bereits seit über sechzig Jahren betrieben: 1956 am weltweit ersten KI-Institut am Darthmouth College, USA, heute auch an der Technischen Hochschule Wildau, speziell im Studiengang Telematik, wo im Bereich der Servicerobotik hinsichtlich möglicher Einsatzszenarien und deren Akzeptanz geforscht wird. Seit Ende 2016 wird in Kooperation mit der Hochschulbibliothek das Ziel verfolgt, den Roboter Pepper als autonom arbeitenden mobilen Bibliotheksassistenten einzusetzen. Der 1,20 Meter große Pepper soll einerseits Besuchern helfen, andererseits das Bibliothekspersonal entlasten. Dabei werden hohe Anforderungen an ihn gestellt, er muss mit Menschen in eine kommunikative Beziehung treten, auf sie reagieren, um aus der Situation heraus richtig handeln zu können.´Wie muss dafür die Mensch-Roboter-Interaktion gestaltet sein? Welche Funktionsszenarien haben für den Besucher einen Mehrwert, und welche entlasten das Personal? „Pepper, wo finde ich das Buch?“ „Erkläre mir die Ausstattung der Bibliothek!“ Das Interesse am neuen charmanten Helfer der Hochschulbibliothek ist immens.


Humanoide Roboter für Kinder

Mehr als nur Neugierde, vielmehr eine Faszination ist es, die Roboter auf Kinder ausüben. Humanoide Roboter, wie der 58 Zentimeter große NAO, werden bereits zur Förderung von Kindern mit Autismus eingesetzt oder auch zum Trainieren von Englisch-Vokabeln. Das RoboticLab der Telematik und die Stadtbibliothek in Wildau wollen diese Faszination nutzen, um gerade Kinder im Grundschulalter zum lauten Vorlesen zu ermuntern, Lesefähigkeiten zu verbessern und die Freude am Lesen zu wecken. Dabei dient der NAO-Roboter als unermüdlicher und geduldiger Zuhörer an der Seite des Kindes.


Altenpflege 4.0

Ein weiteres Projekt untersucht, wie unter dem Einsatz von Servicerobotern und intelligenten Systemen älteren Menschen ein möglichstlanges und unabhängiges Leben in den eigenen vier Wänden ermöglicht werden kann. Studien zeigen, dass die Servicerobotik als Antwort auf den demografischen Wandel in Deutschland durchaus eine Chance darstellen kann. Die Akzeptanz steigt in Abhängigkeit davon, ob die Technik dem älteren Menschen einen echten Mehrwert oder merklichen Vorteil verschafft: der Serviceroboter als Unterstützer im Alltag, der an die Flüssigkeitsaufnahme erinnert, Notsituationen erkennt oder aber wie ein Quizmaster geistig unterstützt.


Blick in die Zukunft

Die Zukunftstechnologie des Serviceroboters hält Einzug in vielen Bereichen unseres Lebens. Es wird sich zeigen, inwiefern das nur ein Hype ist oder ob Kunden, Leser, Kinder und ältere Menschen auch Gefallen daran finden, mit Robotern zu interagieren. Roboteringenieure glauben an eine Zeitenwende, an deren Anfang wir stehen: In zwanzig Jahren werden wir nicht nur vernetzter denken und leben, sondern auch von Robotern begleitet werden.
Janine Breßler ist Informatikerin und Telematik-Expertin. An der Technischen Hochschule Wildau ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im RoboticLab-Team von Professorin Mohnke, Fachgebiete Technische Informatik und Mobile Informationssysteme. Ihr Forschungsschwerpunkt ist Künstliche Intelligenz mit Fokus auf Servicerobotik, Smart Home und neuronalen Netzen.
www.th-wildau.de

Katharina Müller leitet seit 2014 die Unit Communication & Organization bei eye square. Nach dem Studium der Soziologie und Philosophie absolvierte sie eine Ausbildung zur Hörfunkjournalistin und erlangte die Zertifizierung zum Wissensmanagement-Consultant.
www.eye-square.de

 


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