Fachartikel

DEZ2017
Ausgabe 7/2017, Seite 64 | 17-12-64-1

Gender-Gap

Geschlechterdarstellung in deutschen audiovisuellen Medien

Frauen sind jung und schlank, und Männer erklären die Welt? Welches Menschenbild die Medien verbreiten, wissen Elizabeth Prommer und Christine Linke.
Foto: © lucky1984 – Fotolia.com
Wie werden Frauen und Männer im deutschen Fernsehen und Kino dargestellt? Das hat eine Studie der Universität Rostock ermittelt. Analysiert wurden über 3.500 Stunden Fernsehprogramm und mehr als 880 Kinofilme. Damit handelt es sich um die erste und größte repräsentative Studie zu diesem Thema über alle Genres und Programmsparten hinweg.
Folgende Aspekte wurden unter die Lupe genommen:
• Wie präsent sind Frauen und Männer auf deutschen
Fernsehbildschirmen und Kinoleinwänden?
• Wie alt sind Frauen und Männer im Fernsehen und im
Kino?
• In welchen Funktionen sind Frauen und Männer sichtbar?
• Wie sieht es im Kinderfernsehen aus?

Das Studiendesign

Das Fernsehen wurde mit einer standardisierten Inhaltsanalyse einer Stichprobe von 14 Tagen (zwei künstliche Wochen aus zufällig ausgelosten Tagen: zwei zufällige Montage, zwei zufällige Dienstage und so weiter) repräsentativ für das deutsche Fernsehprogramm des Jahres 2016 untersucht. Analysiert wurden dabei 17 Vollprogramme und vier Kindersender: alle dritten Programme, Das Erste, ZDF, ZDFneo, RTL, RTL2, Vox, ProSieben, SAT1 und Kabel im Zeitraum von 14 bis 24 Uhr sowie die Kindersender KiKA, Nickelodeon, Disney Channel und SuperRTL im Zeitraum von sechs bis 20 Uhr. Insgesamt flossen also 14 Sendetage, 3.164 Stunden Sendezeit, 5.637 Einzelprogramme mit 17.349 gemessenen zentralen Figuren in die Analyse ein. Die untersuchten Einzelprogramme wurden in die Programmsparten Fiktion (zum Beispiel Fernsehserien), Fernsehinformation (etwa Nachrichtensendungen) und non-fiktionale Unterhaltungsformate (beispielsweise Quizshows) unterteilt. Für jede Programmsparte wurden die signifikanten Figuren gemessen. Das waren entweder Protagonisten und Protagonistinnen im fiktionalen Bereich oder Hauptakteure und -akteurinnen für den Informationsbereich und die non-fiktionale Unterhaltung.

Frauen in der Unterzahl

Die Ergebnisse zeigen: Frauen kommen in deutschen audiovisuellen Medien seltener vor. Über alle Fernsehprogramme hinweg kommen auf eine Frau zwei Männer (Abb. 1). Bei den Fernsehvollprogrammen kommt ein Drittel der Sendungen ganz ohne Protagonistinnen aus – im Vergleich zu nur 15 Prozent ohne Protagonisten. Nur Telenovelas und Daily Soaps sind repräsentativ für die tatsächliche Geschlechterverteilung in Deutschland, sprich etwa 51 Prozent Frauen und 49 Prozent Männer. Allerdings machen diese nur drei Prozent aller Sendungen aus.

Jung und sexy

Wenn Frauen vorkommen, dann als junge Frauen. Ab dem 30. Lebensjahr verschwinden Frauen sukzessive vom Bildschirm. Das gilt für alle Sender und über alle Formate und Genres hinweg. Bis zu einem Alter von 30 Jahren sind Frauen öfter (Unterhaltungsformate fiktional und non-fiktional) oder in etwa gleich oft zu finden wie Männer. Ab Mitte 30 verändert sich dies, dann kommen auf eine Frau zwei Männer, ab 50 Jahren sogar drei Männer. Auch im Kinofilm kommen ab Mitte 30 auf eine Frauenfigur zwei Männerfiguren. Am größten ist der Unterschied in der non-fiktionalen Unterhaltung: Hier kommen jenseits der 40 auf eine Frau vier Männer, jenseits der 50 auf eine Frau acht Männer.

Allwissend und unersetzlich

Im Kinder- wie auch im Erwachsenenfernsehen erklären Männer die Welt. Insgesamt ist in der Publizistik nur jeder dritte Hauptakteur weiblich. Moderatoren und Journalisten sind häufiger männlich, was besonders bei den Moderatoren non-fiktionaler Unterhaltung (etwa Quizshows) mit einem Anteil von 80 Prozent deutlich wird. Ebenso sind Experten überwiegend männlich (zu 80 Prozent in der Publizistik und zu 70 Prozent in den non-fiktionalen Programmen). Die männlichen Experten überwiegen auch in den Berufsfeldern, in denen im wirklichen Leben laut Bundesamt für Statistik überwiegend Frauen arbeiten, wie in Gesundheit und Pflege oder Schule. Auch die Stimmen aus dem Off sind überwiegend männlich (70 Prozent in der Information und 96 Prozent in der non-fiktionalen Unterhaltung).

Von klein auf gebrieft

Wie sieht es im Kinderfernsehen aus? Gibt es dort mehr Geschlechterparität? Auch im Kinderfernsehen, ob Lizenzprogramm oder Eigenproduktion – ist die absolute Zahl der männlichen Figuren deutlich höher. Insgesamt gilt: Nur eine von vier Figuren ist weiblich. Auch im Kinderfernsehen erklären Männer die Welt. Die Moderatoren sind zu zwei Dritteln männlich. Geht es um imaginäre Figuren und Fantasie, so ist dieser Möglichkeitsraum fast ausschließlich durch Jungen und Männer besetzt. Auf eine weibliche Tierfigur kommen neun männliche. Das Geschlechterverhältnis hat sich dabei im Kinderfernsehen in den letzten zehn Jahren nicht ausgeglichen, sondern weist die gleichen Unterschiede auf. (Abb. 2)




Studie „Audiovisuelle Diversität?“

Initiiert hat diese Untersuchung Maria Furtwängler, die sich – auch mit ihrer Stiftung MaLisa – für eine gleichberechtigte Gesellschaft einsetzt. Die Studie „Audiovisuelle Diversität? Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland“ der Universität Rostock wurde gefördert durch die ARD Degeto für die ARD, das ZDF, die Film und Medien Stiftung NRW, ProSiebenSat. 1, den FilmFernsehFonds Bayern (FFF Bayern), die Filmförderungsanstalt (FFA), die Mediengruppe RTL Deutschland und die MaLisa-Stiftung. Durchgeführt wurde die Untersuchung vom Institut für Medienforschung der Universität Rostock unter Leitung von Elizabeth Prommer.


Prof. Dr. Elizabeth Prommer ist Professorin an der Universität Rostock und leitet das Institut für Medienforschung.

Dr. Christine Linke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienforschung der Universität Rostock.

www.imf.uni-rostock.de

 


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