Fachartikel

SEP2017
Ausgabe 5/2017, Seite 36 | 17-09-36-1

Geld regiert die Welt

Bargeldloser Zahlungsverkehr – Gefahr für die Marktforschung?

Bargeldloses Zahlen soll Kosten senken und bei der Bekämpfung von Kriminalität helfen. Es sorgt aber auch dafür, dass massiv Daten der Verbraucher gesammelt werden. Dieter Korczak wirft einen Blick auf die aktuelle Entwicklung und skizziert mögliche Folgen für die Marktforschungsbranche.
Foto: Maxim_Kazmin – Fotolia.com
Es gibt starke wirtschaftliche und politische Kräfte, die sich für eine Abschaffung des Bargelds einsetzen. Dazu gehören unter anderem die sogenannte „Better than Cash Alliance“, Bill und Melinda Gates sowie der Harvard-Professor Kenneth Rogoff. Die Abschaffung des Bargelds könnte auch für die Praxis der Marktforschung weitreichende Konsequenzen haben. Es lohnt ein kurzer Rückblick auf die Geschichte des Bargelds, um die Bedeutung seiner Abschaffung zu verstehen.

Entwicklung des Bargelds

Der Tausch war die Ursprungsform des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Diese historische Phase wurde zwischen 650 und 600 vor Christus durch die Herausgabe von Münzgeld abgelöst. Für eine lange Zeit war Bargeld das perfekte Zahlungsmittel. Der Transfer von Gütern, die Bezahlung von Dienstleistungen und der Austausch von Handelsbeziehungen gestalten sich durch den Gebrauch von Münzen und Banknoten einfach. Bargeld gibt und gab den Menschen ein Gefühl von Unabhängigkeit und Sicherheit („Hortgeld“). Im Jahr 2016 postulierte Kenneth Rogoff in seinem Buch „The Curse of Cash“, dass Bargeld die Steuerflucht, Korruption, Beschäftigung illegaler Immigranten, Terrorismus, Drogen- und Menschenhandel sowie Schwarzgeld begünstigen und fördern würde. Bei einem vollständig bargeldlosen Zahlungsverkehr ließen sich alle diese negativen Erscheinungen vermeiden. Die Europäische Zentralbank entschied mittlerweile, die Ausgabe von 500-Euro-Noten mit Ende 2018 einzustellen. Die Abschaffung des Bargeldes betrifft jedoch nicht nur die großen Noten, sondern auch das Kleingeld. Italien wird ab dem 1. Januar 2018 keine Ein- und Zwei-Cent-Münzen mehr prägen. Ein Vorreiter in der Entwicklung zur bargeldlosen Gesellschaft ist Schweden. 2015 werden dort 80 Prozent aller finanziellen Transaktionen bargeldlos vorgenommen, in Deutschland werden dagegen 78 Prozent der Transaktionen bar abgewickelt.

Vor- und Nachteile

Welche Vor- und Nachteile hat der bargeldlose Zahlungsverkehr? Dafür sprechen die Kostenminimierung (weniger Filialen, weniger Personal, weitgehender Wegfall von Geldtransporten, Geldverwahrung, Geldsicherung et cetera) und die Schnelligkeit des Geldtransfers (Echtzeit). Es gibt jedoch auch Risiken und Nachteile:
  • Verletzliche Gruppen, zum Beispiel ältere Menschen, Menschen mit prekären Arbeitsbedingungen oder gesundheitlichen Einschränkungen, haben aufgrund ihrer fehlenden oder geringen digitalen Skills nur beschränkten Zugang zum Finanzsystem.
  • Cyberkriminalität (WannaCry Ransomware) ermöglicht in einem größeren Umfang Geldraub, als es mit jedem traditionellen Bankraub möglich wäre.
  • Die Gebühren für bargeldlose Transaktionen können jederzeit angehoben werden. Erst im Juni 2017 ist durch ein BGH-Urteil der Kreissparkasse Groß-Gerau verboten worden, pro SMS-TAN zehn Cent zu verlangen.
  • Ein Ausfall der Internetverbindungen oder eine Störung während der Dateneingabe kann zu großer Konfusion beim Anwender und möglicherweise auch beim Empfänger führen.
  • Besonders gravierend ist jedoch das mit bargeldlosen Transaktionen verbundene Datenschutz- und Privatheitsproblem. Zum einen können finanzielle Transaktionen jederzeit kontrolliert und gestoppt werden, zum anderen werden dadurch Persönlichkeitsprofile ermöglicht, von denen selbst Facebook und Google träumen. Jedes Medikament, das gekauft wird, jeder Barbesuch werden offensichtlich und formen das Persönlichkeitsprofil jedes Einzelnen.

Rolle der Marktforschung

Die Marktforschung arbeitet bereits jetzt mit zahlreichen individuellen, auch physiologischen, Daten: Emotionsmessungen, Messung des Hautwiderstands, Augenbewegungen, neurologischen Daten (EEG), Gesichtsausdrücken (Facial Decoding), Stimmmodulation, Puls- und Blutdruckdaten (Wearables), Mobilitätsdaten. Die Informationen aus dem bargeldlosen Zahlungsverkehr, kombiniert mit den Verhaltens- und Emotionsdaten im Internet der Dinge, bauen sich zur nächsten Welle des digitalen Tsunamis auf. Die Datenvernetzung läuft schon im großen Stil, zumindest in den USA. Auf dem Quirk‘s Event 2017 in New York hat Roddy Knowles (Research Now) begeistert davon gesprochen, dass die Zukunft der Marktforschung in der Verbindung von Daten aus zuvor unverbundenen Quellen liege, etwa in der Kombination von Versicherten- mit Marktforschungsdaten.

Die nächsten Schritte

Der nächste logische Schritt ist die Kombination von Marktforschung mit den Entwicklungen des Transhumanismus (Verschmelzung des Menschen mit Technologie). Bill Gates hat dazu schon seine Visionen abgeliefert. Auf dem „Financial Inclusion Forum 2015“ betonte er die Bedeutung eines standardisierten biometrischen digitalen Identifikationssystems. In Indien würde sich bereits das zwölfstellige digitale „Aadhaar System“ durchsetzen, das mit biometrischen Daten verknüpft ist: „If you move from one part of the country to another, you will be well tracked and served.“ Für Aufsehen sorgte 2007 die Prognose des US-Fernsehsenders NBC, dass daran gearbeitet werde, Mikro-Prozessoren mit einer Antenne in der Chipgröße eines Reiskorns der Bevölkerung unter die Haut zu implantieren. Solche Mikro-Implantate sollten ab 2017 in den USA verfügbar sein und für den Zahlungsverkehr eingesetzt werden. Diese Prognose hat sich nicht bestätigt, aber ist durchaus als zukünftige Entwicklung vorstellbar.

Eine Frage der Ethik

Die reale Umsetzung würde die Landschaft der Marktforschung vollständig umpflügen. Jede körperliche und jede finanzielle Bewegung könnte erfasst, registriert und mit den Personaldaten (Name, Alter, Geschlecht, Historie von Gesundheitsdaten) verknüpft werden. Zu jedem Menschen läge ein persönliches Profil seiner Verhaltensweisen, seiner Vorlieben, seiner Begehrlichkeiten, Stärken und Schwächen vor. Welche Rolle können dann noch Marktforscher einnehmen? Wird es ein neues Berufsbild geben? Den Psychodatenanalytiker? Das Menetekel steht an der Wand jedes Marktforschungsinstituts. Die Tore in den Menschen sind weit offen und deshalb muss sich die Branche, die heute noch Marktforschung heißt, ganz intensiv um die Ethik der Marktforschung kümmern. Wie weit können wir gehen, wie weit werden wir gehen und wer wird unser Tun kontrollieren, wer wird uns zur Verantwortung ziehen? Der aktuelle überarbeitete Esomar Code of Conduct reicht für die Herausforderungen der Zukunft nicht aus. Er ist jetzt schon veraltet. Willkommen in der schönen neuen Welt der Marktforschung des 21. Jahrhunderts. ■
Dieter Korczak war Esomar Präsident von 2011 bis 2012 und leitet seit über 30 Jahren die GP-Forschungsgruppe, ein sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut. Er ist Mitglied des Programmkomitees des BVM, Herausgeber mehrerer Sachbücher sowie Präsident des European Consumer Debt Network.

www.gp-f.com

 


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