Fachartikel

JUN2009
Ausgabe 6/2009, Seite 30 | 09-06-30-1

Klein und fein

Netbooks im Spiegel des Web 2.0

Der ideale Wegbegleiter - oder zu groß für die Hosentasche und zu klein zum „vernünftigen" Arbeiten? Sonja Dlugosch analysiert User Generated Content im Internet zu Anwendungen und Einsatzmöglichkeiten von Netbooks.
Für die einen sind sie der preisgünstige Alleskönner und vollwertiger PC-Ersatz, für die anderen eine unnütze Spielerei, die sich gerade mal zum Abrufen von E-Mails eignet - aber dafür hat man ja schon das Smartphone. Psyma wollte es genauer wissen. Eine Web 2.0-Analyse sollte erste Hinweise und Tendenzen aufzeigen, wie Netbooks im Internet diskutiert werden. Dazu wurde User Generated Content untersucht, der sich mit Netbooks beschäftigt. Drei Fragestellungen waren zentral:
  • Welche Themen werden im Zusammenhang mit Netbooks im Netz überhaupt diskutiert?
  • Was sind die Anforderungen an Netbooks?
  • Und welche Rolle nimmt das Netbook gegenüber Notebook und Smartphone ein?
Für eine strukturierte Herangehensweise wurde der „Psyma Online Radar" ent wickelt, eine Mischung aus quantitativer und qualitativer Web 2.0-Analyse. Mit Hilfe von bestimmten Suchalgorithmen lassen sich zunächst in automatisierter Form relevante Foren, Blogs und andere Web 2.0-Plattformen identifizieren. Die anschließende Analyse erfolgt teilautomatisiert. Da Tendenzen (positive, negative Aussagen, Ironie) bei rein automatisch gesteuerten Prozessen nicht abgedeckt werden, wird die Analyse der nutzergenerierten Inhalte beim Psyma Online Radar durch geschulte Mitarbeiter aus dem relevanten Fachbereich anhand vorgegebener Untersuchungskriterien durchgeführt.

Insgesamt wurden 1139 Statements aus 13 Foren und zehn Blogs oder professionellen Online-Medien mit Kommentiermöglichkeiten analysiert. Es sind nur Threads und Statements in die Analyse eingegangen, in denen die Anwendungsmöglichkeiten und Einsatzgebiete eines Netbooks diskutiert wurden. Rein technische Diskussionen ohne Bezug zu Anwendungen wurden außen vor gelassen.

Positive GrundstimmungNetbooks werden bei exakt der Hälfte der analysierten Postings positiv beurteilt, bei 36 Prozent neutral und nur bei 14 Prozent negativ. Allgemein geteilte Anforderungen an das Netbook sind dabei eine hohe Mobilität und Portabilität, ausreichend Leistung für alle gewünschten Anwendungen und ein möglichst kleiner Preis. So eingängig dieses Ergebnis ist, so kontrovers sind jedoch die Diskussionen. Denn diese Anforderungen ziehen allesamt technische Implikationen mit sich, die nicht unbedingt konsensfähig sind (Abb. 1). Entsprechend dominant sind die technischen Themen vertreten - und zwar in drei Viertel der Postings - obwohl nur Kommentare in der Analyse berücksichtigt wurden, die sich auf Anwendungen und Einsatzmöglichkeiten von Netbooks beziehen. Das unangefochtene Hauptthema ist dabei die Displaygröße. 38 Prozent aller untersuchten Statements beschäftigen sich damit, die Ansichten sind jedoch geteilt: Während sich knapp die Hälfte der Postings für eine möglichst kleine Displaygröße ausspricht, um dadurch höchstmögliche Portabilität und Mobilität zu erreichen, ist für die andere Hälfte das Netbook-Display schlichtweg zu klein.

Für eine hohe Mobilität spielt auch der Akku eine zentrale Rolle. So wird die lange Akkulaufzeit als klarer Vorteil von Netbooks angesehen. Richtzeit sind mindestens sechs Stunden. Nur selten wurde eine faktisch deutlich kürzere Akkulaufzeit kritisiert.

Leistung und AnwendungenDie Leistung der Netbooks wird meist in Abhängigkeit von den gewünschten Anwendungen bewertet. Je nach Nutzer können dem Netbook dabei unterschiedliche Rollen zugewiesen werden:
  • Mobiles Arbeitsgerät, bei dem Office-Anwendungen im Vordergrund stehen; diese werden entweder mobil genutzt oder in der Uni/Schule
  • Mobile Surfmaschine, die in erster Linie dazu dient, unterwegs auf das Internet und E-Mails zugreifen zu können oder zuhause mobil schnell mal etwas nachzuschauen
  • Mobiler Entertainer zum Zeitvertreib on Tour, mit dem Videos, Bilder und Filme angeschaut oder Spiele gespielt werden
Besonders bei Spielen wird die Leistung von Netbooks intensiv diskutiert. Konsensfähig ist, dass einfache und alte Spiele problemlos laufen, während für neuere, grafikintensive Spiele auf andere Geräte ausgewichen werden muss. Auch bei aufwändigen Office-Anwendungen oder Bild- und Video-Bearbeitungsprogrammen sind dem Netbook aber nach Ansicht der Web 2.0-Produzenten schnell Grenzen gesetzt. Häufiger Tenor: Das Netbook ist ausreichend für kurze Erledigungen unterwegs. Für „richtiges", längeres Arbeiten werden eher Notebook oder Desktop PC genutzt.

Wichtiger Anschaffungsgrund und Vorteil von Netbooks ist der günstige Preis. Dieser wird zwischen 200 und 400 Euro erwartet. Viele nehmen dafür auch ein kleineres Display und die geringere Leistung in Kauf. Ob ein Netbook oder Notebook angeschafft wird, als Einzel- oder Zusatzgerät, hängt von den Prioritäten des Käufers ab (Abb. 2). Die Ansprüche vieler Konsumenten sind jedoch nicht in einem Gerät zu vereinbaren. Das Netbook wird dann als Zusatzgerät gesehen und nur in ganz seltenen Fällen als vollständiger Ersatz für Notebooks, Desktop PCs oder Smartphones. Das Schlagwort im PC-Markt lautet somit Divergenz anstatt Konvergenz.

Dass dies sich auch zukünftig nicht so schnell ändern wird, liegt in der Natur der Netbooks: Die Hauptbarrieren bei der Erschließung weiterer Zielgruppen und der vollständigen Substitution der Notebooks und Desktop PCs sind ein kleines Display, geringe Leistung und, seltener genannt, das fehlende optische Laufwerk. Ihre wesentlichen Unterscheidungsmerkmale zum Notebook sind wichtige Treiber für die aktuellen Anhänger des Netbooks, die diese klein, leicht, mobil und günstig sehen wollen. Eine „Weiterentwicklung" der Netbooks gegen diese Barrieren würde die Netbooks zu billigen Notebooks werden lassen, die dann ihre bisherige Fangemeinde verlieren könnten. Im Prinzip eine positive Botschaft für die Hersteller, da die Netbooks Notebook und Desktop PC nicht substituieren, sondern der Bedarf an leistungsstarken Rechnern und großen Displays immer noch vorhanden ist und befriedigt werden muss.

Es ist somit wichtig, weiterhin auf die zentralen Vorteile zu setzen, auch wenn den Netbook-Herstellern dadurch enge Grenzen in der Produktentwicklung und -optimierung gesetzt sind. Die Zukunft der Netbooks könnte Diversifizierung heißen: Für die unterschiedlichen Ansprüche und Zielgruppen werden verschiedene Modelle mit den entsprechenden Schwerpunkten entwickelt, ohne die Produktkategorie zu verlassen.
Sonja Dlugosch, Diplom-Soziologin, ist Senior Consultant im Competence Center Telekommunikation & IT bei der Psyma Research+Consulting GmbH. Sie hat sich auf die Forschungsbereiche New Product Development, Marke und Kundenbindung in der TK & IT Branche spezialisiert.
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