Fachartikel

JUL2008
Ausgabe 7/2008, Seite 30 | 08-07-30-1

Auf und davon

Studie beleuchtet Geschäftsreisen

Dienstleistungen rund um Geschäftsreisen sind ein bedeutender Markt in allen industrialisierten Regionen der Welt, Reisende aus beruflichem Grund eine interessante Konsumentengruppe. Jürgen Schneider und Robert Follmer stellen die Ergebnisse der repräsentativen Studie „Geschäftsreisende 2008" vor.
Wenn es um das Thema Geschäftsreisen geht, gibt es viele offene Fragen: Wer entscheidet, welche Leistungen im Rahmen von Geschäftsreisen genutzt werden? Der Reisende, seine Firma, sein Sekretariat? Welche Kriterien fließen in den Entscheidungsprozess ein? Unklar ist auch, wie Geschäftsreisen von den Betroffenen empfunden werden. Sind sie eine Belastung oder eine Bereicherung?

Zur Klärung dieser Fragen hat die Internationale Fachhochschule Bad Honnef-Bonn gemeinsam mit dem Bonner Marktforschungsinstitut infas eine umfangreiche telefonische Befragung auf Basis einer repräsentativen Haushaltsstichprobe durchgeführt. Die Studie wurde von einer Reihe Firmen unterstützt*.

StudiendesignZiel war es, nach einem Zufallsverfahren 1000 befragungsbereite Personen zu finden, die in die Definition von Geschäftsreisenden fallen. Dazu wurden etwa 15.000 Haushalte befragt. Dieses aufwendige Verfahren gewährleistet eine näherungsweise hochrechenbare Stichprobe, ohne dass im Analogieschlussverfahren weitere Daten hinzugezogen oder Schätzungen vorgenommen werden müssen. Das projekteigene Screening liefert stattdessen zuverlässige Anteilswerte bezogen auf die Gesamtbevölkerung. Das eigentliche Interview erfolgte weitgehend standardisiert im infasTelefonstudio in Bonn. Um die besonders mobile Zielgruppe zuverlässig zu erreichen, erstreckten sich die Interviews auf einen Zeitraum von sechs Wochen im Februar und März 2008.

Die Ergebnisse:Fünf Millionen Deutsche, das sind über zehn Prozent aller Erwerbstätigen, sind mindestens einmal pro Jahr für ihren Arbeitgeber unterwegs. Insgesamt machen sie jährlich 120 Millionen Reisen. Bei dieser Hochrechnung wurden entsprechend der zugrunde gelegten Definition von Geschäftsreisen nur Fahrten über 50 Kilometer berücksichtigt und Handwerkerfahrten und ähnliche Aktivitäten ausgeschlossen.
Zur Ermittlung des Marktvolumens wurden die Reisenden nach den Ausgaben befragt, die sie auf der letzten typischen Reise für die jeweiligen Verkehrsmittel aufgewendet haben. Bei Pkw-Fahrten wurden dabei 30 Cent pro zurückgelegtem Kilometer kalkuliert, bei Bahn- und Flugreisen der angegebene Ticketpreis. Zur Ermittlung der Beherbergungskosten wurde die Dauer der Geschäftsreisen herangezogen und eine gemittelte Übernachtungszahl kalkuliert. Insgesamt errechnet sich auf diese Weise ein Wert von 91,8 Millionen Nächten außer Haus pro Jahr. Gemäß der Angaben der Geschäftsreisenden geben sie im Durchschnitt 83 Euro pro Nacht aus. Transport-und Übernachtungskosten zusammengenommen ergeben hochgerechnet ein Gesamtvolumen des Geschäftsreisemarktes von 24,9 Milliarden Euro. Pro Reise belaufen sich die Ausgaben im Schnitt demnach auf rund 208 Euro (Abb1.).

Mehrheit reist für FortbildungenDer bei weitem dominierende Anteil von 45 Prozent der deutschen Geschäftsreisenden reist für Schulungen, Seminare und Fortbildungen. Erst danach folgen die „klassischen" Geschäftsreisegründe wie Verkaufsgespräche, Kundenbesuche, Außendienst und Vertreterbesuche mit 31 Prozent (Abb.2). Allerdings sind die Schulungsreisenden nur für jede zehnte Tour der Grund, während die „Außendienstler" fast die Hälfte aller Trips machen. Sie sind im Schnitt fast wöchentlich unterwegs. In punkto Einstellungen ist die Gruppe der Geschäftsreisenden zweigeteilt: Während für Schulungsteilnehmer die Reise erheblich zur Steigerung des Selbstwertgefühls beiträgt, beurteilen die Geschäftsreisenden aus anderen Anlässen ihre Reisetätigkeit weniger euphorisch und empfinden sie eher als anstrengend und belastend. Gemeinsam ist beiden Gruppen die Erwartung, dass ihre geschäftliche Reisetätigkeit wesentlich zum beruflichen Erfolg beiträgt. Dies geben insgesamt 85 Prozent der Geschäftsreisenden an (Abb.3).

Rund ein Drittel der Reisenden sind Best AgerDass beruflich bedingte Touren mitunter als belastend empfunden werden, mag neben der Reisehäufigkeit auch mit dem Alter der Reisenden zusammenhängen: Rund 37 Prozent sind älter als 50 Jahre und gehören damit zur Gruppe der „Best Ager". Die Über-40-Jährigen machen sogar 77 Prozent der Reisenden aus. Daraus ergibt sich eine Vielzahl von Implikationen für die kundengerechte Ausgestaltung der Produkte und Leistungsträger. Beispielhaft genannt werden kann die Bestuhlungsdichte in Flugzeugen, die die Erwartungen der Geschäftsreisenden nicht erfüllt. Zahlreiche weitere Ergebnisse der Studie zeigen vielfältige Optimierungsmöglichkeiten innerhalb der Branche auf. Mit der jährlichen Wiederholung der Untersuchung als Branchenmonitor werden künftig wesentliche Trends und Entwicklungen ermittelt.
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Detaillierter Berichtsband


Diese und zahlreiche weitere Ergebnisse sind in einem detaillierten 70-seitigen Berichtsband inklusive Typo¬logisierung der Reisenden, Analyse des Entscheidungsprozesses bei Reisebuchung und Beurteilung des Angebots, zusammengefasst. Die Studie „Geschäftsreisende 2008 - Strukturen, Einstellungen, Verhalten" soll als kontinuierliches Messinstrument etabliert und künftig jährlich wiederholt werden.*Amadeus Germany, Deutsche Lufthansa AG, Europcar Autovermietung GmbH, FCmDER Travel Solutions, Steigenberger Hotel Group, HSMA Hospitality Sales and Marketing Association, Travel Industry Club - TIC.
Prof. Dr. Jürgen Schneider lehrt an der International University of Applied Sciences Bad Honnef-Bonn Pricing, Business & Congress Travel, Marketing Strategy & Market Analysis und Travel Management. Er war zuvor unter anderem bei American Express und der Deutschen Bahn.
www.fh-bad-honnef.de

Robert Follmer
ist beim infas-Institut für angewandte Sozialwissenschaft in Bonn Bereichsleiter Marktforschung. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Mobilitätsund Verkehrsforschung, Kundenzufriedenheitsstudien, sowie Preis- und Image- Analysen.
Infas >>


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