Fachartikel

FEB2006
Ausgabe 2/2006, Seite 18 | 06-02-18-1

Die sieben Todsünden der Innovation

Menschen sündigen - nicht nur im täglichen Leben, sondern auch im beruflichen Umfeld. Dort treffen nicht selten sogar die klassischen Todsünden aufeinander. Gerade im Innovationsprozess kann dies Auswirkungen haben, meint Franziska Wulff und porträtiert sieben Todsünder.
Neue Ideen entwickeln, den Innovationsprozess vorantreiben, die Mitarbeiter zum Blick über den Tellerrand motivieren - diese Leitlinien finden sich in jeder Bibel für Marketingverantwortliche. Dabei ist die Fähigkeit eines Unternehmens, sich zu erneuern, ein Unterfangen mit hoher Störanfälligkeit. Das berühmte Sandkorn im Getriebe ist häufig schuld, wenn der Innovationsprozess ins Stocken gerät. Eine Todsünde könnte man meinen, denn oft sind es nur ein falsches Wort oder eine Nachlässigkeit, die gute Ideen versanden lassen.

Woher aber stammt der Begriff der Todsünde? Bereits im 6. Jahrhundert erhob Papst Gregor Habgier, Neid, Trägheit, Zorn, Maßlosigkeit, Hochmut und Lust in den Adelsstand der Todsünden - auch für gewöhnliche Gläubige. Allen Todsünden ist gemein, dass sie die Sündigenden zu einer Quelle negativer Energie werden lassen. Die Gefahr, die von solchen Energiedämonen für den Innovationsprozess ausgeht, ist multidimensional. Man stelle sich ein Team vor, in dem die sieben „Todsünder" Ideen beispielsweise für eine Produktfamilie entwickeln sollen:

Der Habgierige: „Ich will alles"

Das Bestreben, mithilfe von Innovationen in neue Märkte vorzudringen, ist legitim. Führt es aber dazu, dass Ideen nur in der Breite und nicht in der Tiefe gesucht werden, verliert der Habgierige schnell das Ziel aus den Augen. Das kann beispielsweise dazu führen, dass neue Line-Extensions ihrer Muttermarke eher schaden als helfen. US-Wissenschaftler und Nobelpreisträger Linus Pauling dazu: „The trick of having good ideas is to come up with a lot of ideas and then throw out the bad ones."

Der Neidische:
„Was die können, kann ich schon lange"

Wer den Innovationsprozess seines Unternehmens hemmen will, verschwendet seine Energie mit dem Schielen auf das Nachbargrundstück. Der geltungsbedürftige Neider manövriert sich in eine „Me-Too-Situation", indem er das Produkt seines Wettbewerbers kopiert, anstatt sich über die Ziele seiner Marke im Klaren zu sein. Trotz hohen Innovationsdrucks sollten Innovationen auch immer von Selbstvertrauen getragen werden.
Der Träge: „Das haben wir doch schon immer so gemacht"

„Business as usual" kann den richtigen Zeitpunkt für notwendige Erneuerungen vom Radar verschwinden lassen. In der Gruppe ist der Träge zwar anwesend, weigert sich aber mitzuarbeiten. Dieses „Inertia-Phänomen", die Denkfaulheit, wirkt förmlich wie ein Hemmschuh auf entwicklungsorientiertes Arbeiten und verbreitet sich schlimmstenfalls wie ein Virus.
Der Zornige: „Keine dieser Ideen begeistert mich"

Von allen Sünden ist der Zorn die tödlichste. Er bedeutet Negativität und Ablehnung im Innovationsprozess. Selbstverständlich ist nicht jede Idee gut, und ab einem gewissen Zeitpunkt ist eine Selektion erforderlich. Eine Idee abzulehnen, ist aber etwas anderes, als sie vorsichtig zu beurteilen, sie also mit Respekt zu behandeln. Die negative Energie des Zornigen kann nicht nur die Gruppenmoral senken, sondern den positiven Flow einer Innovationsrunde sogar ganz abbrechen.

Der Maßlose: „Ich hätte noch mehr erwartet"

Maßlosigkeit gilt als Sünde, weil sie mit mangelnder Disziplin einhergeht. Dieser Mangel kann sich darin zeigen, dass der Maßlose eine Atmosphäre geringer Wertschätzung schafft. Er verlangt von Gruppenteilnehmern Leistungen, die niemand erbringen kann. Kreativität und Disziplin dürfen daher keine Gegensätze sein, denn bei aller Kreativität gilt es, das Ziel immer im Fokus zu behalten.

Der Hochmütige: „Meine Idee ist die beste"

Läuft die Ideenfindung einmal rund, ist es nur zu einfach, sein Herz an bestimmte Ideen zu hängen. Die Weigerung, seine Lieblinge zu verändern oder gar zu verwerfen, kann den gesamten Prozess verzögern oder entgleisen lassen. Dies geschieht immer dann, wenn der Hochmütige seine eigenen Ideen per se höher bewertet als andere.

Und schließlich - der Lustvolle: „Moment mal, mir fällt noch etwas ein..."

Lust mag im kirchlichen Sinne eine Sünde sein. Im Innovationsprozess aber ist sie ein Pluspunkt - solange der Lustvolle seinem Gegenüber genügend Raum gibt und ihm aufmerksam zuhört. So verwandelt sich am Ende die Todsünde gar in eine Kardinalstugend.
Franziska Wulff ist Managing Director bei Research International in Hamburg und verantwortlich für qualitative Konsumentenforschung.
TNS Infratest >>

Research International wurde in TNS Infratest integriert (Anm. d. Red.).


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