Tödliches Business - Kapitel 2
Zwei
Manhattan
Die SalesNet-Büros erstreckten sich über einige Stockwerke eines New Yorker Hochhauses. Vor den beiden Glasfronten des Eckbüros von John Shultz fingen die Bürotürme an, in der Abenddämmerung zu leuchten. Doch Shultz hatte keinen Blick dafür. Er saß vor seinem Computer und klickte sich durch die Ergebnisberichte von SalesNet. Was er sah, war nicht erfreulich.
„Noch einen Kaffee!“ blaffte er.
Seine Assistentin Cheryl trat mit einer Tasse durch die Tür und legte die beträchtliche Strecke bis zum Schreibtisch über den edlen, weichen Teppich zurück. Der Börsengang hatte SalesNet eine Menge Geld in die Kasse gespült, und das spiegelte sich in den Büros wider.
„Brauchen Sie mich noch?“ Cheryl stellte die Tasse auf den Tisch.
„Ist die Reservierung bei Mariano’s in Ordnung?“ sagte Shultz, ohne den Kopf vom Bildschirm zu heben. John Shultz hätte einen kleineren Raum förmlich gesprengt. Seine physische Präsenz war einschüchternd. Obwohl seine Sportlerzeit weit zurücklag, konnte der leichte Fettansatz seine muskulöse Statur nicht verbergen. Sein kantiger Schädel und die kurzgestutzten Haare hätten zu den Marines gepasst – ebenso wie sein Führungsstil.
Cheryl dachte mit Schaudern daran, dass sie viel zu spät angerufen hatte. Mariano’s war auf Tage ausgebucht. Es hatte sie nur die Tatsache gerettet, dass Shultz dort als spendabler Stammgast bekannt war. So hatte sich der Inhaber doch erweichen lassen.
„Ja, ist alles erledigt“, sagte sie.„Okay, das wär’s für heute.“ Cheryl verließ eilig das Büro. Shultz war kein angenehmer Chef, und heute war seine Laune besonders schlecht. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, atmete sie erleichtert auf.
Shultz nahm einen Schluck von dem kochend heißen Kaffee und klickte auf die Zusammenfassung. Alle Bereiche blieben hinter dem Plan zurück. Die Absatzzahlen stiegen nicht im prognostizierten Maß. Der Preisdruck durch die Konkurrenz war enorm. Das Gewinnziel war nicht zu erreichen – wenn überhaupt von Gewinn zu sprechen war.
Shultz wechselte zum Aktienkurs von SalesNet. Die Entwicklung war nach fortwährenden Ergebnissteigerungen sehr positiv. Sein Optionspaket hatte Shultz in kurzer Zeit zu einem schwerreichen Mann gemacht, jedenfalls theoretisch. Eigentlich hatte er in nächster Zeit Kasse machen wollen.
Doch jetzt war die Lage so schlecht, dass er möglicherweise eine Gewinnwarnung herausgeben musste. Dann bräche der Aktienkurs drastisch ein. Seine Optionen verlören ebenso rapide an Wert … Und wenn er kurz vor der Gewinnwarnung verkaufte, würde er sich wegen Insidergeschäften strafbar machen.
Shultz griff sich den Telefonhörer und wählte die Nummer von Peter Harris. Harris war als Manager Business Development offiziell dafür zuständig, neue Geschäftschancen aufzuspüren und Strategien dafür zu entwickeln. Inoffiziell fungierte er als Shultz‘ interner Spion. Das machte ihn bei den Kollegen nicht gerade beliebt.
„Ja, Peter am Apparat.“
„Können Sie bitte mal zu mir hochkommen?“ Shultz‘ Tonfall verhieß nichts Gutes.
„Ja natürlich, John, ich bin in einer Minute oben.“
Wenig später betrat Harris das Büro, bewaffnet mit Schreibblock und dem PDA, der sein Leben bestimmte.
Shultz musterte ihn eingehend. Peter war wie immer eine Spur zu sorgfältig gekleidet, die Frisur perfekt geföhnt. Ein karriere- und geldgieriger Business-School- Absolvent. Shultz hatte ihn von Anfang an durchschaut und wusste, dass er seine eigene Großmutter verkaufen würde, wenn ihm das einen Vorteil brächte. Das hatte sich Shultz geschickt zunutze gemacht, indem er Peter mit Gehaltssteigerungen und vorgetäuschter Vertraulichkeit bei der Stange hielt.
„Setzen Sie sich doch, Peter. Und schnappen Sie sich einen Kaffee.“
Peter goss sich einen Becher aus der Thermoskanne in Cheryls Büro ein, setzte sich und blickte Shultz erwartungsvoll an.
„Ich habe mir gerade die Ergebnisschätzungen für den laufenden Monat angesehen“, sagte Shultz. „Ich bin entsetzt. Das hat doch vor kurzem ganz anders ausgesehen. Was ist da los?“
„Die Unit-Manager haben die Ergebnisse der Vorquartale linear fortgeschrieben.“ Peter ließ keine Gelegenheit aus, den Kollegen eins auszuwischen. Doch diesmal hatte er etwas anderes im Sinn. „Aber man muss zugeben, dass der US-Markt sehr schwierig geworden ist. Es gibt einfach zu viel Konkurrenz. Ich meine, wir müssen in zwei Richtungen vorgehen: unsere Kundenansprache im Heimatmarkt verbessern und uns gezielt internationale Expansionsmöglichkeiten suchen.“
„Kann ich das ein bisschen konkreter haben?“ Shultz mochte Peters Business- School-Phrasen nicht.
„Ich will damit Folgendes sagen: Wir sind bislang ausschließlich im US-Markt präsent.“
„Und wo ist das Problem?“
„Geben Sie mir ein paar Minuten, John.“ Peter unterdrückte seinen aufkeimenden Zorn. Es machte ihn wahnsinnig, dass Shultz ihn nie ausreden ließ. „Das war lange kein Problem, weil die USA bei der Nutzung des Webs und beim E-Commerce Pionier waren und SalesNet innerhalb dieses Marktes die Nase vorn hatte. So haben wir einen Großteil dessen aufgesogen, was der Markt hergab. Aber jetzt wird die Lage enger. Wir haben mehr Wettbewerber, und der Umsatz steigt nicht so schnell wie erwartet.“
„Das sehe ich“, fiel Shultz ihm unwirsch ins Wort.
Harris seufzte innerlich. „Am Ende heißt das, wir müssen unsere Kunden dazu bringen, mehr zu kaufen. Wir müssen unser Angebot noch zielgenauer auf jeden einzelnen zuschneiden. Und wir müssen uns aktiv Neukunden suchen. Es geht darum, alle Potentiale auszuschöpfen.“
Peter Harris war in seinem Element. Er litt seit langem daran, dass er sein teuer erworbenes Business-School-Wissen nicht voll zur Geltung bringen konnte. In einer Branche mit boomendem Wachstum ging es meist um schnelle, pragmatische Entscheidungen und weniger um ausgefeilte Konzepte. Shultz war ein Meister der Intuition. Er lag mit seinen Bauchentscheidungen häufig richtig, und Harris bekam das ständig zu hören. Heute machte keine Ausnahme.
„Wenn Sie das so gut wissen, dann setzen Sie es um. Was wir jetzt brauchen ist Profit.“ Shultz hielt inne und überlegte kurz. „Aber in gewisser Weise haben Sie Recht. Ich brauche eine Story, die den Investoren Vertrauen einflößt, die zeigt, dass SalesNet auf dem richtigen Weg ist und wir nur einen momentanen Einbruch haben. Sie müssen glauben, dass eine Verbesserung der Situation vor der Tür ist. Aber die Story muss Hand und Fuß haben. Ich habe keine Lust, ein halbes Jahr später alles zu revidieren und dann in die Falle zu laufen. Deswegen brauche ich Zunder, um den Divisions Feuer unter dem Allerwertesten zu machen. Sind Sie noch dabei?“
Harris legte den Stift nieder, mit dem er eifrig Notizen gemacht hatte. „Ja klar. Ich fange sofort an, daran zu arbeiten. Ich muss wohl nicht fragen, bis wann?“
„Gestern!“ Shultz‘ Gesicht hatte sich leicht gerötet, was stets nichts Gutes verhieß.
Harris packte eilig seine Sachen und verließ das Büro.
Er fuhr mit dem Fahrstuhl eine Etage tiefer. Der Teppich war hier fühlbar dünner und das Neonlicht greller. Er kam an den Automaten für Softdrinks und Snacks vorbei und ließ sich einen Styroporbecher voll brühheißen Kaffee laufen. Vorbei an den kleinen, viereckigen Arbeitsgehäusen, sogenannten Cubicles, mit denen die unteren Chargen Vorlieb nehmen mussten, erreichte er die Glastüre zu seinem Büro.
Shultz hatte ihm den Raum verschafft, obwohl ihm ein eigenes Büro nicht unbedingt zustand. Zu Fenstern nach draußen hatte es allerdings nicht gereicht. Dafür befand sich Harris in der Unternehmenshierarchie zu weit unten.
Das gedachte er zu ändern. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, stützte das Kinn auf beide Hände und lächelte versonnen. Endlich ist es so weit, Shultz braucht meine Hilfe. Solange das Geschäft gut gelaufen war, hatte Shultz immer Oberwasser gehabt. Aber jetzt musste er sich mit den Investoren herumschlagen, Storys entwickeln und war dringend auf neue Businesskonzepte angewiesen. Peter Harris‘ Stunde war endlich gekommen!
Ich muss heute noch anfangen, dachte er und trank seinen Kaffee aus. Aber das konnte er auch zu Hause tun.
Er packte den PDA in die Aktentasche, fuhr nach unten, durchquerte das Marmorfoyer des Büroturms und trat ins Freie. Bei über dreißig Grad war es extrem feucht. Niedrig hängende Wolken trieben zwischen den Hochhäusern, deren Spitzen im Dunst nicht zu sehen waren. Die Hitze war schier unerträglich. Das Hupen der Autos und eine Sirene hallten in der Straße.
Als ein Taxi bei ihm hielt, spürte Peter schon, wie ihm der Schweiß aus allen Poren trat. Er ließ sich auf den Rücksitz fallen. „Dreiundvierzigste und Dritte!“
Das Auto setzte sich schaukelnd in Bewegung. Die Rush-Hour war schon im Abklingen, so dass sie zügig vorankamen. Draußen sah Harris die Leuchtreklamen der Geschäfte vorbeiziehen. Das würde sein entscheidender Karriereschritt werden, die Chance, auf die er so lange gewartet hatte! Er würde sich die Wohnung an der Upper East Side leisten können, 20 oder 30 Straßen weiter nördlich, wo die Foyers der Apartmenthäuser aussahen wie in eleganten Hotels und drei oder vier „Doormen“ darauf warteten, einem die Einkäufe abzunehmen, den Wagen wegzufahren und die Tür aufzureißen.
Der dunkelhäutige Taxifahrer bremste abrupt und riss ihn aus seinen Gedanken.
„Hier okay?“
Peter drückte ihm einige Dollar in die Hand und stieg aus. Er ging in den Convenience- Store an der Ecke und nahm sich ein paar Sandwiches zum Abendessen mit.
Der Doorman seines Apartmenthauses grüßte ihn. Allerdings trug er keine goldbetresste Livree, sondern eine schäbige Uniform, die ihre besten Tage lange hinter sich hatte. Peter stieg in den klapprigen Lift.
Sein Apartment bestand aus eineinhalb Zimmern, Kochnische und einem kleinen Bad, das allen WC-Reiniger-Attacken zum Trotz noch immer schimmelig aussah. Peter schloss die Wohnungstüre auf und wurde vom Rattern der alten Klimaanlage empfangen, die auf Hochtouren lief. Die Straßengeräusche drangen durch die schlecht schließenden Fenster.
„Es wird wirklich Zeit für was Besseres!“ murmelte er und stieß die Eingangstür mit dem Fuß hinter sich zu. Die Tüte mit den Sandwiches warf er auf den Küchentresen. Dann nahm er sich ein Bier aus dem Kühlschrank, ließ sich auf die Couch fallen, zündete sich eine Zigarette an und zog genüsslich daran. Untertags wollte er sich nicht wie andere vor die Eingangstür des Bürogebäudes stellen, schließlich war Rauchen schlecht fürs Image. Deshalb konnte er seinem Laster nur noch abends in seiner Wohnung frönen.
Harris riss die Bierdose auf und nahm einen Schluck. Auf diesen Moment hatte er gewartet. Seine große Chance war gekommen, und er war fest entschlossen, sie nutzen. Er drückte die Zigarette aus, setzte sich vor seinen PC und begann zu schreiben.
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Manhattan
Die SalesNet-Büros erstreckten sich über einige Stockwerke eines New Yorker Hochhauses. Vor den beiden Glasfronten des Eckbüros von John Shultz fingen die Bürotürme an, in der Abenddämmerung zu leuchten. Doch Shultz hatte keinen Blick dafür. Er saß vor seinem Computer und klickte sich durch die Ergebnisberichte von SalesNet. Was er sah, war nicht erfreulich.
„Noch einen Kaffee!“ blaffte er.
Seine Assistentin Cheryl trat mit einer Tasse durch die Tür und legte die beträchtliche Strecke bis zum Schreibtisch über den edlen, weichen Teppich zurück. Der Börsengang hatte SalesNet eine Menge Geld in die Kasse gespült, und das spiegelte sich in den Büros wider.
„Brauchen Sie mich noch?“ Cheryl stellte die Tasse auf den Tisch.
„Ist die Reservierung bei Mariano’s in Ordnung?“ sagte Shultz, ohne den Kopf vom Bildschirm zu heben. John Shultz hätte einen kleineren Raum förmlich gesprengt. Seine physische Präsenz war einschüchternd. Obwohl seine Sportlerzeit weit zurücklag, konnte der leichte Fettansatz seine muskulöse Statur nicht verbergen. Sein kantiger Schädel und die kurzgestutzten Haare hätten zu den Marines gepasst – ebenso wie sein Führungsstil.
Cheryl dachte mit Schaudern daran, dass sie viel zu spät angerufen hatte. Mariano’s war auf Tage ausgebucht. Es hatte sie nur die Tatsache gerettet, dass Shultz dort als spendabler Stammgast bekannt war. So hatte sich der Inhaber doch erweichen lassen.
„Ja, ist alles erledigt“, sagte sie.„Okay, das wär’s für heute.“ Cheryl verließ eilig das Büro. Shultz war kein angenehmer Chef, und heute war seine Laune besonders schlecht. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, atmete sie erleichtert auf.
Shultz nahm einen Schluck von dem kochend heißen Kaffee und klickte auf die Zusammenfassung. Alle Bereiche blieben hinter dem Plan zurück. Die Absatzzahlen stiegen nicht im prognostizierten Maß. Der Preisdruck durch die Konkurrenz war enorm. Das Gewinnziel war nicht zu erreichen – wenn überhaupt von Gewinn zu sprechen war.
Shultz wechselte zum Aktienkurs von SalesNet. Die Entwicklung war nach fortwährenden Ergebnissteigerungen sehr positiv. Sein Optionspaket hatte Shultz in kurzer Zeit zu einem schwerreichen Mann gemacht, jedenfalls theoretisch. Eigentlich hatte er in nächster Zeit Kasse machen wollen.
Doch jetzt war die Lage so schlecht, dass er möglicherweise eine Gewinnwarnung herausgeben musste. Dann bräche der Aktienkurs drastisch ein. Seine Optionen verlören ebenso rapide an Wert … Und wenn er kurz vor der Gewinnwarnung verkaufte, würde er sich wegen Insidergeschäften strafbar machen.
Shultz griff sich den Telefonhörer und wählte die Nummer von Peter Harris. Harris war als Manager Business Development offiziell dafür zuständig, neue Geschäftschancen aufzuspüren und Strategien dafür zu entwickeln. Inoffiziell fungierte er als Shultz‘ interner Spion. Das machte ihn bei den Kollegen nicht gerade beliebt.
„Ja, Peter am Apparat.“
„Können Sie bitte mal zu mir hochkommen?“ Shultz‘ Tonfall verhieß nichts Gutes.
„Ja natürlich, John, ich bin in einer Minute oben.“
Wenig später betrat Harris das Büro, bewaffnet mit Schreibblock und dem PDA, der sein Leben bestimmte.
Shultz musterte ihn eingehend. Peter war wie immer eine Spur zu sorgfältig gekleidet, die Frisur perfekt geföhnt. Ein karriere- und geldgieriger Business-School- Absolvent. Shultz hatte ihn von Anfang an durchschaut und wusste, dass er seine eigene Großmutter verkaufen würde, wenn ihm das einen Vorteil brächte. Das hatte sich Shultz geschickt zunutze gemacht, indem er Peter mit Gehaltssteigerungen und vorgetäuschter Vertraulichkeit bei der Stange hielt.
„Setzen Sie sich doch, Peter. Und schnappen Sie sich einen Kaffee.“
Peter goss sich einen Becher aus der Thermoskanne in Cheryls Büro ein, setzte sich und blickte Shultz erwartungsvoll an.
„Ich habe mir gerade die Ergebnisschätzungen für den laufenden Monat angesehen“, sagte Shultz. „Ich bin entsetzt. Das hat doch vor kurzem ganz anders ausgesehen. Was ist da los?“
„Die Unit-Manager haben die Ergebnisse der Vorquartale linear fortgeschrieben.“ Peter ließ keine Gelegenheit aus, den Kollegen eins auszuwischen. Doch diesmal hatte er etwas anderes im Sinn. „Aber man muss zugeben, dass der US-Markt sehr schwierig geworden ist. Es gibt einfach zu viel Konkurrenz. Ich meine, wir müssen in zwei Richtungen vorgehen: unsere Kundenansprache im Heimatmarkt verbessern und uns gezielt internationale Expansionsmöglichkeiten suchen.“
„Kann ich das ein bisschen konkreter haben?“ Shultz mochte Peters Business- School-Phrasen nicht.
„Ich will damit Folgendes sagen: Wir sind bislang ausschließlich im US-Markt präsent.“
„Und wo ist das Problem?“
„Geben Sie mir ein paar Minuten, John.“ Peter unterdrückte seinen aufkeimenden Zorn. Es machte ihn wahnsinnig, dass Shultz ihn nie ausreden ließ. „Das war lange kein Problem, weil die USA bei der Nutzung des Webs und beim E-Commerce Pionier waren und SalesNet innerhalb dieses Marktes die Nase vorn hatte. So haben wir einen Großteil dessen aufgesogen, was der Markt hergab. Aber jetzt wird die Lage enger. Wir haben mehr Wettbewerber, und der Umsatz steigt nicht so schnell wie erwartet.“
„Das sehe ich“, fiel Shultz ihm unwirsch ins Wort.
Harris seufzte innerlich. „Am Ende heißt das, wir müssen unsere Kunden dazu bringen, mehr zu kaufen. Wir müssen unser Angebot noch zielgenauer auf jeden einzelnen zuschneiden. Und wir müssen uns aktiv Neukunden suchen. Es geht darum, alle Potentiale auszuschöpfen.“
Peter Harris war in seinem Element. Er litt seit langem daran, dass er sein teuer erworbenes Business-School-Wissen nicht voll zur Geltung bringen konnte. In einer Branche mit boomendem Wachstum ging es meist um schnelle, pragmatische Entscheidungen und weniger um ausgefeilte Konzepte. Shultz war ein Meister der Intuition. Er lag mit seinen Bauchentscheidungen häufig richtig, und Harris bekam das ständig zu hören. Heute machte keine Ausnahme.
„Wenn Sie das so gut wissen, dann setzen Sie es um. Was wir jetzt brauchen ist Profit.“ Shultz hielt inne und überlegte kurz. „Aber in gewisser Weise haben Sie Recht. Ich brauche eine Story, die den Investoren Vertrauen einflößt, die zeigt, dass SalesNet auf dem richtigen Weg ist und wir nur einen momentanen Einbruch haben. Sie müssen glauben, dass eine Verbesserung der Situation vor der Tür ist. Aber die Story muss Hand und Fuß haben. Ich habe keine Lust, ein halbes Jahr später alles zu revidieren und dann in die Falle zu laufen. Deswegen brauche ich Zunder, um den Divisions Feuer unter dem Allerwertesten zu machen. Sind Sie noch dabei?“
Harris legte den Stift nieder, mit dem er eifrig Notizen gemacht hatte. „Ja klar. Ich fange sofort an, daran zu arbeiten. Ich muss wohl nicht fragen, bis wann?“
„Gestern!“ Shultz‘ Gesicht hatte sich leicht gerötet, was stets nichts Gutes verhieß.
Harris packte eilig seine Sachen und verließ das Büro.
Er fuhr mit dem Fahrstuhl eine Etage tiefer. Der Teppich war hier fühlbar dünner und das Neonlicht greller. Er kam an den Automaten für Softdrinks und Snacks vorbei und ließ sich einen Styroporbecher voll brühheißen Kaffee laufen. Vorbei an den kleinen, viereckigen Arbeitsgehäusen, sogenannten Cubicles, mit denen die unteren Chargen Vorlieb nehmen mussten, erreichte er die Glastüre zu seinem Büro.
Shultz hatte ihm den Raum verschafft, obwohl ihm ein eigenes Büro nicht unbedingt zustand. Zu Fenstern nach draußen hatte es allerdings nicht gereicht. Dafür befand sich Harris in der Unternehmenshierarchie zu weit unten.
Das gedachte er zu ändern. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, stützte das Kinn auf beide Hände und lächelte versonnen. Endlich ist es so weit, Shultz braucht meine Hilfe. Solange das Geschäft gut gelaufen war, hatte Shultz immer Oberwasser gehabt. Aber jetzt musste er sich mit den Investoren herumschlagen, Storys entwickeln und war dringend auf neue Businesskonzepte angewiesen. Peter Harris‘ Stunde war endlich gekommen!
Ich muss heute noch anfangen, dachte er und trank seinen Kaffee aus. Aber das konnte er auch zu Hause tun.
Er packte den PDA in die Aktentasche, fuhr nach unten, durchquerte das Marmorfoyer des Büroturms und trat ins Freie. Bei über dreißig Grad war es extrem feucht. Niedrig hängende Wolken trieben zwischen den Hochhäusern, deren Spitzen im Dunst nicht zu sehen waren. Die Hitze war schier unerträglich. Das Hupen der Autos und eine Sirene hallten in der Straße.
Als ein Taxi bei ihm hielt, spürte Peter schon, wie ihm der Schweiß aus allen Poren trat. Er ließ sich auf den Rücksitz fallen. „Dreiundvierzigste und Dritte!“
Das Auto setzte sich schaukelnd in Bewegung. Die Rush-Hour war schon im Abklingen, so dass sie zügig vorankamen. Draußen sah Harris die Leuchtreklamen der Geschäfte vorbeiziehen. Das würde sein entscheidender Karriereschritt werden, die Chance, auf die er so lange gewartet hatte! Er würde sich die Wohnung an der Upper East Side leisten können, 20 oder 30 Straßen weiter nördlich, wo die Foyers der Apartmenthäuser aussahen wie in eleganten Hotels und drei oder vier „Doormen“ darauf warteten, einem die Einkäufe abzunehmen, den Wagen wegzufahren und die Tür aufzureißen.
Der dunkelhäutige Taxifahrer bremste abrupt und riss ihn aus seinen Gedanken.
„Hier okay?“
Peter drückte ihm einige Dollar in die Hand und stieg aus. Er ging in den Convenience- Store an der Ecke und nahm sich ein paar Sandwiches zum Abendessen mit.
Der Doorman seines Apartmenthauses grüßte ihn. Allerdings trug er keine goldbetresste Livree, sondern eine schäbige Uniform, die ihre besten Tage lange hinter sich hatte. Peter stieg in den klapprigen Lift.
Sein Apartment bestand aus eineinhalb Zimmern, Kochnische und einem kleinen Bad, das allen WC-Reiniger-Attacken zum Trotz noch immer schimmelig aussah. Peter schloss die Wohnungstüre auf und wurde vom Rattern der alten Klimaanlage empfangen, die auf Hochtouren lief. Die Straßengeräusche drangen durch die schlecht schließenden Fenster.
„Es wird wirklich Zeit für was Besseres!“ murmelte er und stieß die Eingangstür mit dem Fuß hinter sich zu. Die Tüte mit den Sandwiches warf er auf den Küchentresen. Dann nahm er sich ein Bier aus dem Kühlschrank, ließ sich auf die Couch fallen, zündete sich eine Zigarette an und zog genüsslich daran. Untertags wollte er sich nicht wie andere vor die Eingangstür des Bürogebäudes stellen, schließlich war Rauchen schlecht fürs Image. Deshalb konnte er seinem Laster nur noch abends in seiner Wohnung frönen.
Harris riss die Bierdose auf und nahm einen Schluck. Auf diesen Moment hatte er gewartet. Seine große Chance war gekommen, und er war fest entschlossen, sie nutzen. Er drückte die Zigarette aus, setzte sich vor seinen PC und begann zu schreiben.
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