In Eigenregie erforschte Colibri Research jetzt in vier Gruppendiskussionen und einer qualitativen Online-Tagebuchstudie die Motivstrukturen von App-Nutzern zwischen 20 und 50 Jahren. Die Online-Tagebücher wurden mit Unterstützung des Softwaredienstleisters Kernwert umgesetzt. Nach ihrer Erfahrung können Studienteilnehmer in „Mobile Diaries" ihre Eindrücke und Gedanken zeitnah, anschaulich und dadurch sehr aussagekräftig festhalten. Die Teilnehmer notierten eine Woche lang direkt via Smartphone, welche Apps sie benutzten, machten sich Gedanken über ihre schönsten App-Erlebnisse und die Bedeutung von Apps in ihrem Leben. Die Beiträge in den Gruppendiskussionen erwiesen sich als psychologisch tiefgreifend, die Einträge in den Online-Tagebüchern dokumentierten Nutzungsverhalten und individuelle Einstellungen.
Ordnung und Struktur
Für die Nutzer gilt das Smartphone nicht nur technologisch als „Maß aller Dinge", sondern auch als Statussymbol: Es beweist, dass man es sich leisten kann und dazugehört. Doch erst Apps machen das Smartphone zu dem, was es ist: „wie eine Einstiegsdroge, man probiert es mal aus und will dann immer mehr". Durch sie ist das Smartphone für viele zur digitalen Nanny geworden. Sie sorgt dafür, dass wir ausgeruht aufwachen, Termine nicht verpassen, mit der passenden Kleidung das Haus verlassen, uns gesund ernähren und beim Shoppen Geld sparen. Kein Wunder, dass Apps zu einem „festen Bestandteil im Leben" geworden sind, die man nicht mehr missen möchte. Je nach Bedarf können Apps fürsorglich-beschützend oder - wie ein Personal Coach - fordernd und kontrollierend Ordnung ins eigene Leben bringen: „Ich bräuchte 'ne App, die mir sagt: Mensch, heute ist gutes Wetter, Zeit, um mal wieder Sport zu machen." Für Entwickler und Anbieter von Apps bedeutet dies, idealerweise eine Balance aus informativen Funktionalitäten und Tonalität sowie ein Layout mit gewissem „Aufforderungscharakter" zu schaffen.
Das große Potenzial der kleinen App-Helfer besteht darin, Ordnung, Struktur und Halt in einer orientierungslosen und krisengeschüttelten Welt zu bieten. Apps begleiten einen treu und zuverlässig durch Höhen und Tiefen.
Apps als „digitale Jeannie"
Die Tagebuchnotizen zur Lieblings-App lesen sich wie die Jobbeschreibung einer „digitalen Jeannie", die auf Knopfdruck ihrer elektronischen Wunderlampe entsteigt und unsere Wünsche erfüllt: Jederzeit hilfsbereit, zuverlässig und treu, macht sie „alles, was man will". Sie ist intelligent genug, um für alle Problemfälle die richtige Lösung zu finden, aber einfach genug, um nicht anstrengend oder unbeherrschbar zu werden. Sie ist „unterhaltsam und sexy" und versteht es als ihr höchstes Ziel, uns zu dienen und unser Leben einfacher zu machen. Dadurch gewinnen App-Nutzer einen Teil der Souveränität zurück, die ihnen im immer komplexeren Alltag verloren gegangen ist. Sofortige Verfügbarkeit ist psychologisch ein wichtiges Motiv der App-Nutzung, denn kognitive Kontrolle und das Wissen um die Beeinflussbarkeit unserer Lebenswelt verleihen ein beruhigendes Kontrollgefühl. Wir fühlen uns besser, wenn wir wissen, dass wir heute Abend mit dem Fahrrad trocken nach Hause kämen, auch wenn wir aus Bequemlichkeit dann doch lieber den Bus nehmen.
Kommunikation, Spiele, schnelle Information
Die Vielzahl an Apps macht das unerschöpfliche Informationsmeer des Internets für begrenzte Alltagsbelange nutzbar und beherrschbar. Man fühlt sich für alles gewappnet und mit allen verbunden. Kommunikations-Apps ermöglichen kontrollierbare Nähe zu auserwählten Freunden. Spiele-Apps entführen uns in anregende Parallelwelten, durch die man unweigerlich in den wohligen Sog aus gerade noch zu bewältigenden Herausforderungen gerät, den der ungarische Psychologe Csíkszentmihályi als „Flow-Erleben" beschreibt. Spiele-Apps waren die Hauptquelle schöner App-Erlebnisse in den Online-Tagebüchern, auch wenn App-Nutzer latent ein schlechtes Gewissen haben, „so viel Zeit zu verdaddeln" oder virtuelle, sprachbegabte Katzen als Spielgefährten für ihre Kinder oder Gesprächspartner für die demenzkranke Großmutter einzusetzen.
Gleichzeitig wäre es einseitig, Apps für Isolation und die Virtualisierung sozialer Beziehungen verantwortlich zu machen. Denn ohne Apps wäre es im mobilen Alltag der urbanen Lebenswelt bedeutend schwieriger, auch „echte" Kontakte zu wahren und zu pflegen. Gleichzeitig schaffen Facebook, Skype und die Kommunikationsmethode „What's app" jedoch einen gewissen Aktualisierungsdruck. Firmenmails werden schon morgens beim Kaffee gecheckt, und während der Arbeitszeit möchte man das Status-Update seiner Kontakte nicht verpassen: „Ich will immer auf dem Laufenden sein und Leerlauf vermeiden." Zeitschriften gelten als veraltet: „Das sind ja die News von gestern." Und ohne coole Facebook-Kommentare in Echtzeit verliert man an Beliebtheit: „Das ist ja auch so 'ne Art Statussymbol: Ich bin der Geile und sitz' jetzt hier am Elbstrand am
ersten Sommertag."
Apps sind im Vergleich zu PC oder Laptop unschlagbar in Sachen schneller, komfortabler und zielgerichteter Nutzung: „Extra den Rechner anzuschmeißen, nur um was bei Google nachzusehen, das macht doch kein Mensch mehr." Die magische Wunderlampe legt einem die Welt zu Füßen: „Sie drücken drauf und können sofort auf alles zugreifen."
Nur begrenzte Anzahl von Apps
Die Tagebücher zeigen interessanterweise, dass die meisten App-Nutzer schnell Routinen ausbilden: „Ich war erstaunt zu merken, dass ich eigentlich immer nur dieselben drei bis vier Apps nutze." Wichtiges Ziel für App-Entwickler muss deswegen sein, in die kleine Gruppe tatsächlich genutzter Apps zu gelangen, um dauer- haft erfolgreich zu sein. Denn sonst droht auch bei App-Fans bald eine gewisse App-Müdigkeit: „Früher habe ich immer sofort die neusten Apps ‚downgeloadet', jetzt hole ich nur noch, was ich wirklich brauche."
