In einer Familienstudie hat „Bild am Sonntag" aktuelle Fragen rund um Familienglück, Kinderwunsch und Berufstätigkeit unter die Lupe genommen. Das Kernstück der Studie bilden sieben Alltagsmythen rund um die Themen Familie, Rollenverständnis und Kinder sowie die Frage, ob diese Mythen auch heute noch relevant oder schon längst überholt sind. Dafür werden diese Mythen aus den Blickwinkeln einer Vielzahl von Zielgruppen, unter anderem Eltern, Großeltern, berufstätigen und nicht berufstätigen Müttern, betrachtet.
Das Institut für Demoskopie Allensbach hat Ende 2010 2.800 Interviews durchgeführt: zum einen 1.800 Fälle repräsentativ für die deutsche Wohnbevölkerung ab 16 Jahren und zum anderen 1.000 Interviews mit 18- bis 49-Jährigen, also der aktuellen und potenziellen Elterngeneration (750 Eltern, 250 Kinderlose). Die Bild am Sonntag-Familienstudie entstand weiterhin unter Beteiligung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Mythos 1: Die Familie ist ein Auslaufmodell
Die Familie ist auch im Jahr 2011 für die Deutschen unverzichtbar. 62 Prozent der Deutschen sind überzeugt, dass man eine Familie braucht, um glücklich zu sein. Aber gehören auch Kinder zum persönlichen Glück? 47 Prozent der Deutschen bejahen diese Frage; aber ein Drittel meint auch, dass das Lebensglück nicht von Kindern abhängt. Dabei zeigen sich zwischen den einzelnen Zielgruppen deutliche Unterschiede (Abb. 1).
Dass die Familie als soziales Netz im Jahr 2011 funktioniert, ist eine der grundlegenden Erkenntnisse dieser Studie. Die Mehrheit der Deutschen kann in schwierigen Situationen auf ihre Familie bauen - immateriell und finanziell.
Mythos 2: Kinderlose Paare haben ein schlechtes Ansehen in der Gesellschaft
Für viele sind die Nachteile der Elternschaft und die Vorteile der Kinderlosigkeit präsenter als die positiven Aspekte der Elternschaft. Kinderlose Paare sind nach überwiegender Meinung finanziell besser gestellt als kinderreiche Familien, zudem haben sie eher Zeit und Geld für schöne Urlaubsreisen. Nur ein Viertel der derzeit Kinderlosen möchte definitiv keine Kinder, obwohl die Geburtenzahlen rückläufig sind. Der Kinderwunsch wird also irgendwann ad acta gelegt; häufig, weil der richtige Partner fehlt oder man sich im entscheidenden Moment zu alt oder zu jung für ein Kind fühlte. Insgesamt betrachtet ist die ungewollte Kinderlosigkeit für viele kein Drama, sondern einfach eine verpasste Option.
Mythos 3: Berufstätige Eltern sind Rabeneltern
Berufstätige Eltern werden nicht mehr als Rabeneltern empfunden, sofern nicht beide in Vollzeit arbeiten. Die Geister scheiden sich vor allem am Umfang der Berufstätigkeit von Müttern. Teilzeit-berufstätige Mütter sind gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Das klassische Modell - der Mann arbeitet Vollzeit und die Frau kümmert sich nur um Haushalt und Kinder - hat sich hingegen überlebt. Das neue Konsens-Modell ist: Der Vater arbeitet in Vollzeit, die Mutter in Teilzeit. Zeit ist ein hohes Gut für berufstätige Eltern. Vor allem die beruflich häufig stärker eingespannten Väter klagen über Zeitmangel für die Familie.
Mythos 4: Probleme bei der Betreuung gibt es nur bei kleineren Kindern
Nach wie vor haben viele Mütter und Väter Mühe, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Die Eltern sehen nicht nur den Staat, sondern auch die Unternehmen in der Pflicht. Ganz oben auf der Wunschliste - neben der Betreuungsinfrastruktur - stehen flexible Arbeitszeiten, Teilzeitangebote und Sonderurlaub, zum Beispiel bei Krankheit des Kindes oder - für die Väter - nach der Geburt des Kindes.
Die Mehrheit der Kinder unter 16 Jahren besucht Schulen, Horte, Kindergärten, Kinderkrippen oder -tagesstätten. Unabhängig vom Betreuungsangebot gibt es in West- und Ostdeutschland noch sehr unterschiedliche Vorstellungen, ab welchem Alter Kinder in fremde Obhut gegeben werden können. Die ostdeutsche Bevölkerung setzt dieses Alter bei circa 1,5 Jahren an, die westdeutsche dagegen bei gut 2,5 Jahren. Eine große Entlastung für berufstätige Eltern sowohl kleinerer als auch größerer Kinder stellen in der Nähe wohnende Großeltern dar.
Mythos 5: Haushalt und Familie sind Frauensache
Das Zusammenleben von Männern und Frauen hat sich in den letzten Jahrzehnten durch die wachsende Berufsorientierung der Frauen und ihre größere materielle Unabhängigkeit verändert. Dennoch sind Haushalt und Kinder auch heute noch primär Frauensache. Aber im Hinblick auf die Beschäftigung mit Kindern und Kindererziehung fühlen sich Männer und Frauen gleichermaßen kompetent. Dass die Frauen trotzdem das Gros der Familienarbeit übernehmen, liegt vor allem daran, dass sie häufiger in Teilzeit arbeiten und daher mehr Zeit mit den Kindern verbringen.
Mythos 6: Väter sind nur Versorger
Auch aktuell sind die Väter überwiegend noch die Hauptversorger ihrer Familien. Aber es entwickelt sich sukzessive ein neues Väter-Selbstverständnis, das über die alltagsferne Versorgerrolle hinausgeht. Immerhin 41 Prozent der Väter klagen über zu wenig Zeit für ihre Familie. Und immer mehr Väter und Mütter halten es für zeitgemäß, wenn Väter nach der Geburt ihrer Kinder Elternzeit nehmen (31 Prozent).
Mythos 7: Am Wochenende geht der Alltag weiter
Am Wochenende ticken die Uhren anders. Das Wochenende, vor allem der Sonntag, ist für Familien eindeutig Erholungs- und Familienzeit. Während der Samstag oft noch stressig und von Einkäufen und Shopping geprägt ist, ist der Sonntag deutlich entschleunigter und lässt viel Zeit für gemeinsame Aktivitäten, Gespräche und Planungen. Vor allem die beruflich stark eingespannten Väter verbringen viel Zeit mit ihren Kindern und holen nach, was sie unter der Woche versäumt haben. Über Wochenendaktivitäten im Familienkreis wird überwiegend gemeinschaftlich entschieden. Je älter die Kinder sind, umso selbstverständlicher ist die gemeinsame Entscheidungsfindung.
Insgesamt zeichnet die Bild am Sonntag-Studie ein sehr positives Bild der Familie 2011, die sich als stabiles generationenübergreifendes Netzwerk erweist.
Fachartikel
Ausgabe 6/2011, Seite 40
Artikelnummer: 11-06-40-1
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Familienstudie stellt Alltagsmythen auf die Probe
Ist das Konstrukt der Familie noch zeitgemäß? Sind berufstätige Eltern weniger anerkannt? Und wie sehr ist die Kinderbetreuung gewährleistet? Sybille Diegelmann gibt Einblicke in das moderne Familienleben.
