Abb. 1: Top-10-Herausforderungen der Europäer im Ländervergleich (in Prozent)
Abb. 2: Die Entwicklung der Top-10-Herausforderungen in Europa (in Prozent)

Stellvertretend für über 450 Millionen Menschen in elf Ländern Europas wurde im Rahmen der Studie „Challenges of Europe 2011" vom GfK Verein im Februar 2011 wie schon in den Jahren zuvor 13.200 Bürgern eine Frage gestellt: „Welches sind Ihrer Meinung nach die dringendsten Aufgaben, die heute in Ihrem Land zu lösen sind?" Dabei erfolgt keinerlei Vorgabe. Durch die Art der Fragestellung lassen sich die Ergebnisse über die Jahre hinweg leicht vergleichen. Die Zahl der genannten Aufgaben ist außerdem ein guter Indikator für den wahrgenommenen Problemdruck in einem Land. Im Durchschnitt wurden 2,4 Probleme genannt, in den Jahren zuvor nur zwischen 2,0 und 2,2. In den einzelnen Ländern stellt sich die Situation aber sehr unterschiedlich dar: In Deutschland schnellte die Zahl von 3,2 auf 3,7 noch einmal in die Höhe, nachdem sie schon im Vorjahr deutlich zugenommen hatte. Besonders stark ist die Zunahme in Ostdeutschland, wo der Problemdruck von 3,3 auf 4,4 steigt. Bei den anderen Ländern liegen die Werte zwischen 2,8 in Italien und 1,0 in Schweden. Damit sind die Deutschen und besonders die Ostdeutschen unangefochtene Europameister im Sorgenmachen. Deutlich gewachsen ist der Problemdruck auch in Italien und Polen, leicht gestiegen ist er in Frankreich, Spanien, Russland und Belgien. Weniger Probleme werden dagegen in Österreich, den Niederlanden, Großbritannien und Schweden genannt. Dabei zeigt sich Schweden als das Land der Seligen. Hier sinkt der Wert von 1,1 auf 1,0.

Arbeitslosigkeit bleibt Hauptsorge der Europäer

Die Arbeitslosigkeit gehört in all den Jahren seit 2001 - mit Ausnahme von 2008 - zu den Hauptsorgen der Europäer. Der Wert ist jedoch von 43 Prozent auf 39 Prozent gefallen. Besonders groß ist die Sorge um die Jobs in Spanien, Frankreich, Deutschland und Italien. Dagegen wird die Arbeitslosigkeit in Russland, Belgien und in den Niederlanden deutlich gelassener gesehen als im Vorjahr. Das korrespondiert nur teilweise mit den echten Arbeitslosenzahlen. In den Niederlanden ist die ILO-Arbeitslosigkeit mit 4,2 Prozent (März 2011) in der Tat sehr niedrig und in Spanien ist sie mit 20,7 Prozent sehr hoch. In Belgien ist der Wert mit 7,7 Prozent aber höher als in Deutschland mit 6,3 Prozent. Trotzdem sorgen sich die Deutschen deutlich mehr als die Belgier, was wohl in der deutschen Mentalität und Geschichte begründet liegt. Schließlich war die Arbeitslosigkeit der 1920er und 1930er Jahre eine der Hauptursachen für den Erfolg Hitlers und der NSDAP.

An zweiter Stelle der Hitliste der Sorgen steht die Kaufkraftentwicklung, die von 26 Prozent der Europäer in den elf Ländern als wichtiges zu lösendes Problem genannt wird. Dieser Wert ist in den beiden letzten Jahren von 29 Prozent in 2008 auf 18 Prozent im Jahr 2010 kontinuierlich gesunken. 2011 ist damit eine deutliche Steigerung fast wieder auf das Niveau von 2008 zu vermelden. In allen Ländern mit Ausnahme von Schweden steigen die Inflationsängste. Besonders die Russen sorgen sich wegen der Geldentwertung, was nicht erstaunlich ist, da sie mit einer Inflationsrate von rund zehn Prozent zu kämpfen haben. An zweiter Stelle steht Deutschland, das für dieses Thema aufgrund seiner Geschichte besonders sensibilisiert ist, dicht gefolgt von Polen und Frankreich. Hier spielen wohl vor allem auch die steigenden Benzinpreise sowie die Angst vor der zukünftigen Entwicklung eine wichtige Rolle. An dritter bis sechster Stelle stehen mit zwölf Prozent gleichauf die Problemkreise „Politik und Regierung", „Kriminalität", „wirtschaftliche Stabilität" und „Gesundheitswesen".

Der Problemkreis „Politik und Regierung" hat sich damit seit dem letzten Jahr vom siebten auf den dritten Rang vorgeschoben. Besonders stark gestiegen ist der Wert in Belgien, das seit der Parlamentswahl Mitte 2010 mit der Regierungsbildung kämpft. Deutliche Steigerungen sind auch in Italien zu registrieren, wo sich die Skandale Berlusconis auswirken.

Die Sorge um die Kriminalität ist über die Jahre konstant. Mit 23 Prozent ist sie in Italien am größten, dicht gefolgt von Frankreich und den Niederlanden mit jeweils 22 Prozent. In Frankreich wirken sich wohl spektakuläre Ereignisse wie der Überfall auf ein Kinderheim und die Unruhen in Grenoble aus, in Holland die starke Betonung der inneren Sicherheit durch die Rechtspopulisten.

Dagegen hat die Aufgabe „wirtschaftliche Stabilität" von 16 auf 12 Prozent an Bedeutung verloren. Besonders stark gesunken sind die Werte in Deutschland, Schweden, Belgien und Russland. Entgegen dem Trend gestiegen ist der Wert in Italien. Mit 30 Prozent konstant hoch ist der Wert in Spanien. Dies korrespondiert mit der Wirtschaftsentwicklung nach der Krise.

Dagegen ist die Sorge um das Gesundheitswesen mit einem Zuwachs von einem Prozentpunkt fast konstant. Größere Zuwächse gibt es vor allem in Italien und Frankreich. Den höchsten Wert weist Polen mit 23 Prozent auf. Hier ist jedoch eine Besserung festzustellen, denn im Vorjahr waren es noch 26 Prozent. Eine Besonderheit zeigt Russland, wo gleich nach der Inflation die Wohnungs- und Mietenproblematik genannt wird. Jährlich steigende Gebühren für die Hausverwaltung bei oft marodem Zustand der Häuser beschäftigen die Russen.

Die Herausforderungen in Deutschland

Stark rückläufige Bedeutung haben in Deutschland - wie oben erwähnt - die wirtschaftlichen Themen Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Stabilität. Dagegen gewinnen die Themen an Bedeutung, die auch - oder vor allem - Jüngere betreffen: Die Preis- und Kaufkraftentwicklung steht nun mit 33 Prozent an zweiter Stelle, an dritter Stelle mit 25 Prozent die soziale Sicherung, gefolgt von der Bildungspolitik mit 23 Prozent. Auch Zuwanderung und Integration rufen steigende Besorgnis hervor. Dagegen verlieren soziale Probleme, die vor allem Ältere betreffen, wie das Gesundheitswesen und die Renten- und Altersversorgung an Bedeutung.