RR: Qualitative Online-Forschung befand sich vor nicht allzu langer Zeit noch eher im Versuchsstadium. Gibt es mittlerweile einen ernst zu nehmenden Trend in diese Richtung?

Friese: Ich habe den Eindruck, dass in letzter Zeit die Online-Projekte zunehmen. Im Rahmen meiner Workshops sehe ich immer mehr Projekte, die sich etwa mit der Auswertung von Online-Portalen, Communities oder Blogs beschäftigen. Gleichzeitig verbreitet sich die Anwendung von Software generell. Viele junge Menschen, die heute Master- oder Promotionsarbeiten angehen oder wissenschaftliche Karrieren starten, sind mit dem Computer aufgewachsen und gehen damit sehr selbstverständlich um.

Muhr: Durch die Rückmeldung unserer Kunden sehen wir ebenfalls eine wachsende Bedeutung der Online-Forschung. Wir haben uns auf Entwicklerseite auf diesen Trend eingestellt und zum Beispiel die Auswertung von Web-Content durch die native Unterstützung von PDF vereinfacht. Für uns ist die Auswertung von Online-Surveys ein sehr spannendes Thema, dem wir uns auch in unserer nächsten Software-Version 6.2 gewidmet haben.

Wieseke: Wir stehen auf der Erhebungsseite und haben mit dem KernwertServer eine spezialisierte Software für die qualitative Online-Forschung entwickelt. Wir spüren nicht nur, dass die grundsätzliche Nachfrage steigt, sondern dass sich auch die Qualität der Projekte ändert. Die Studiendesigns werden vielfältiger, es werden etwa zunehmend Diskussionselemente mit Tagebüchern oder Kreativaufgaben kombiniert. Dadurch werden auch die Ergebnisdaten komplexer und die Ansprüche an die Auswertung steigen.

RR: Und wo kann da eine Auswertungssoftware helfen? Wie und wo kann etwa die Software von Atlas.ti eingesetzt werden?

Friese: Sie eignet sich für alle qualitativen Fragestellungen an unterschiedliches Datenmaterial - wie Interviews, Beobachtungen, Fokusgruppen, Tagebücher, Zeitungsartikel, Videos oder Bilder. Es gibt zwar auch quantitative Ausgabemöglichkeiten - zählen kann ein Computer ja immer gut. Aber das ist nicht das Wichtigste. Die Auszählung von Codehäufigkeiten ist eine Funktion, die eher einen Zusatznutzen zur qualitativen Auswertung hat. Anhand der Workshops, die ich durchführe, sehe ich, dass in den letzten Jahren immer neue wissenschaftliche Disziplinen hinzugekommen sind, die mit Atlas.ti arbeiten. Die Anwendungsgebiete reichen von Wirtschaftswissenschaften über Sozialwissenschaften und Politikwissenschaften bis hin zu Anwendungen in der Wirtschaft. Hier vor allem für Zwecke der Marktforschung, Produktentwicklung und Personalführung.

Stratmann: Wir verwenden in der Abteilung Online-Forschung der GfK die Software zur Auswertung von qualitativen Daten im Rahmen des Web Content Minings, also der Analyse von Internetbeiträgen von Verbrauchern oder Meinungsführern aus Web 2.0-Applikationen wie Diskussions-, Meinungsforen, Verbraucherportalen oder Weblogs. Das Branchenspektrum ist breit gestreut: Wir haben unter anderem Studien zu „Abnehmprodukten", Waschmitteln, Unterhaltungselektronik, Telekommunikation oder für die Automobilindustrie durchgeführt.

RR: Ganz konkret - welche Vorteile bietet der Software-Einsatz im Forscheralltag?

Friese: Die Vorteile von Atlas.ti liegen vor allem im Bereich des Codierens. Es kann viel differenzierter codiert werden. Manuelle Codiersysteme bestehen oft nur aus 20 bis 30 Codes. Hier besteht ein durchschnittliches Codiersystem aus 120 bis 200 Codes, in komplexeren Projekten können es auch bis zu 400 Codes sein. Und die Suchmöglichkeiten stellen jede manuelle Analyse in den Schatten. Es können komplexe Suchanfragen gestellt werden, man kann Ideen, nachgehen und wenn sie zu keinem Ergebnis führen, dann hat man vielleicht zehn Minuten Zeit darauf verwendet - und nicht tagelang Papierstöße durchsucht.

Stratmann: Die Software erleichtert den Vercodungsprozess. So können wir auch eine große Menge an Daten mit unterschiedlichsten Aussagen zu verschiedenen Themen oder Produkten und sehr vielen Codes bearbeiten, strukturiert zusammenfassen und auswerten. Die Problematik im Rahmen der qualitativen Analyse des Web Content Minings besteht größtenteils darin, dass sich die Beiträge nicht auf konkrete Fragen beziehen, sondern „frei raus" geschrieben werden. Daher besitzen die Aussagen eine sehr hohe Diversität, im Gegensatz zum Coding von offenen Fragen in klassischen Befragungen.

Muhr: Für Marktforscher bietet die Software einige besondere Funktionen. Zum Beispiel die Text-to-Media Engine, damit können Audio- und Videodateien direkt transkribiert werden, zusätzliche Programme werden überflüssig. Die Kombinationsmöglichkeit von verschiedenen Datenformaten wie Text, PDF, Audio, Video und Geodaten ist ansonsten im Markt eher selten zu finden. Und für Abschlusspräsentationen besonders praktisch ist, dass Ergebnisse in Diagrammen und Charts visualisiert werden können und per Knopfdruck zum Beispiel als Website präsentiert werden.

RR: Wie ändern sich die Anwenderbedürfnisse, gibt es da bestimmte Trends?

Wieseke: Qualitative Online-Forschung wird selbstverständlicher und etabliert sich als ergänzende Methode. Die verschiedenen Funktionen werden kreativer und mutiger eingesetzt. Damit geht der Trend hin zu möglichst flexiblen, individuell kombinierbaren Lösungen. Gleichzeitig wird bei den Probanden der Einsatz von Smartphones immer alltäglicher. Sie erwarten zunehmend, etwa bei einer Tagebuchstudie, Bilder oder Texte auch spontan von unterwegs hochladen zu können.

Muhr: Ja, ich sehe auch einen Trend im Bereich der mobilen Online-Forschung. Mit iPhone und iPad ist der Feldforscher ja gut ausgestattet und kann so seine Beobachtungen unmittelbarer verarbeiten. Wir arbeiten bereits intensiv an der Bereitstellung von sinnvollen Funktionen für Smartphones und anderen Handhelds.

RR: Brauchen wir bei so viel technischen Möglichkeiten überhaupt noch den menschlichen Forscher?

Muhr: Ja, auf jeden Fall. Die Software vereinfacht zwar die Auswertung und deren Visualisierung enorm, ist aber kein Ersatz für eigene Denkprozesse. Grundlage der Anwendung ist immer die Kenntnis der Methode und deren Anwendung hinsichtlich der Aufgabe. Und das kann außer dem menschlichen Gehirn kein System leisten.