„Mehr Macht den Konsumenten" forderte das Motto des 45. Kongresses der deutschen Marktforschung, den der BVM am 17. und 18. Juni 2010 in Bonn veranstaltete. Schlagwörter wie Open Innovation, Co-Creation und Crowd Sourcing waren in aller Munde. Welche Auswirkungen diese neuen Ansätze für die Marktforschungsprofession haben, fragte sich Wolfgang Dittrich, Vorsitzender des BVM-Vorstandes, in seiner Begrüßungsrede. Man müsse sicher vieles ändern, vor allem aber müsse man das Gute bewahren und das Unnötige über Bord werfen, so seine Schlussfolgerung. Hartmut Scheffler, Vorstandsvorsitzender des ADM, warf im Anschluss gar die Frage auf: „Ist dies das Ende der Marktforschung?" Seine Antwort war eindeutig: „Ganz im Gegenteil". Traditionelle Verfahren der Marktforschung würden unterschätzt, neue Verfahren hingegen eher überschätzt.
Veränderung zeichnet sich ab
Für die Referenten schien festzustehen: Die Zeichen stehen auf Veränderung. Christian Illek, Geschäftsführer Marketing der Telekom Deutschland, skizzierte eine Entwicklung hin zu einer dynamischen Marktforschung als Prozess der Ergebnisfindung. Hans Willi Schroiff, Vice President Market Research bei Henkel, sah neue Perspektiven für die Branche. Durch „Guided Creativity" will er die Konsumenten in einem Co-Creation-Ansatz besser mit einbeziehen. Michael Bartl, Vorstand bei Hyve, sah einen informativen, vernetzten und aktiven Konsumenten. Marktforschung sei heute nicht mehr nur testend, sondern auch entdeckend und qualitativ. Informieren und austauschen konnten sich die Besucher des BVM-Kongresses auch an den Ständen namhafter Aussteller.
Am Abend des ersten Kongresstages trafen sich Besucher, Forschungsinteressierte und Aussteller zur Gala der Deutschen Marktforschung im festlichen Ballsaal unter einem riesigen Kronleuchter, um die Sieger im Wettbewerb zum Preis der Deutschen Marktforschung zu ehren. Den Preis für die beste Studie konnten Florian Bauer von Vocatus sowie Thilo Gaul und Rüdiger Peters von L´Tur Tourismus mit nach Hause nehmen. Mit ihrem „Reisepreisvergleicher" wollten sie der Preis-Intransparenz entgegenwirken, die von Anbietern und Kunden oft als störend empfunden werde. Einen Reisepreisvergleicher auf der eigenen Website zu positionieren, der gegebenenfalls auch billigere Angebote anderer Anbieter zeigt und auf deren Seite verweist, klinge zunächst paradox, so die Initiatoren. Doch das
„Geheimnis des Erfolges" sei, dass die Leute eine Reise nicht nur möglichst billig buchen möchten, sondern auch großen Wert auf Ehrlichkeit, Fairness, Transparenz und Markentreue legten.
Der Innovationspreis ging an Peter Gentsch von TextTech und Stefan Althoff von Lufthansa Technik mit ihrem Tool „Insight Mining - Innovatives Data Management auf der Basis der Textmining Technologie". Mit diesem Werkzeug sei es möglich, Dokumente und Quellen jedweder Art miteinander zu verknüpfen sowie schnell und intuitiv neue Zusammenhänge zwischen den Daten zu erkennen. Damit generiere „Insight Mining" dokumentenübergreifendes Wissen, beschleunige Recherchen um das Vier- bis Sechsfache und ermögliche die Beobachtung und Priorisierung von Themen über einen Zeitverlauf, erklärten Gentsch und Althoff. Weiterhin könne das Tool Fragen wie „Mit welchen Begriffen und
Themen assoziiert Ihr Kunde Ihr Unternehmen?" und „Wie unterscheidet sich diese Sicht von Ihrer internen Sicht?" beantworten.
Klaus Haupt für Lebenswerk geehrt
Zur Forscherpersönlichkeit des Jahres 2010 wurde Professorin Christa Wehner von der Hochschule Pforzheim gewählt, der Ehrenpreis ging an den Psyma-Gründer Klaus Haupt, der sich mit den Worten „Vielen Dank - ich finde, heute Abend wurde schon genug geredet!" kurz und knapp bedankte.
Im Zeichen der Fußball-WM waren Kongressfinale und Podiumsdiskussion schon für den Vormittag des zweiten Kongresstages anberaumt. Jörg Blumtritt von Tremor Media und Benedikt Köhler von Ethority präsentierten zehn Thesen zur Frage, warum sich die Marktforschung in einer Phase radikalen Umbruchs befinde. Am Streitgespräch hierzu beteiligten sich zudem Mathias Fargel von Psyma, Frank Piller von der RWTH Aachen, Hans-Willi Schroiff von Henkel und Raimund Wildner von der GfK. Auf die Frage nach der Zukunft der Marktforschung fasste Schroiff zusammen: „Wir werden mehr machen müssen. Wir werden es anders machen müssen. Aber wir werden uns nicht hinstellen und sagen - das, was wir bisher gemacht haben, war falsch."
Mit Vuvuzelas, Fahnen und anderen Fußball-Accessoires traf man sich dann zum krönenden Abschluss bei Brezen und Bier zum „Public Viewing". Der nächste BVM-Kongress wird in München stattfinden - dann fußballfrei.
