Die Informations- und Kommunikationstechnologien sind einem beständigen und immer schnelleren Wandel unterworfen. Sie verändern dabei nicht nur sich selbst, sondern haben auch einen zunehmenden Einfluss auf Gesellschaft und Wirtschaft. Mittlerweile tragen sie zu einem Großteil der Wertschöpfung auch in anderen Branchen bei. Gleichzeitig ändern sich im Zuge der Digitalisierung zusehends auch die Medien, ihre Inhalte, ihr Aussehen sowie die damit einhergehenden Rezeptionsgewohnheiten.
Mit Delphi-Studien in die Zukunft blicken
Um diesen Wandel und seine Auswirkungen auf die Zukunft des IKT- und Medien-Standorts Deutschland im internationalen Vergleich abschätzen zu können, hat TNS Infratest im Auftrag von Münchner Kreis, EICT, Deutsche Telekom, TNS Infratest sowie unterstützt von Siemens, Vodafone, Focus, VDE, SAP, Alcatel-Lucent Stiftung, IBM und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) eine internationale Delphi-Studie durchgeführt.
Delphi-Studien versuchen, vielschichtige Entwicklungen in der Zukunft abzuschätzen. Gerade im Themenfeld der IKT und Medien erscheint dies als besondere Herausforderung, sind sie doch der Grund dafür, dass Prog nosen immer komplexer werden.
Da heute kaum noch ein einzelner Experte in der Lage ist, mehrere sich beeinflussende Expertisenfelder zu überblicken, werden bei einer Delphi-Befragung mehrere Fachleute mit spezialisiertem Wissen um ihre Einschätzungen mit Blick auf Zukunftsszenarien gebeten. Diese Szenarien bilden die Grundlage des Ansatzes, da sie relevante Zukunftsthemen und -felder transportieren und greifbar machen.
Zuverlässiger Konsens gesucht
Die eigentliche Befragung läuft in einem mehrstufigen Prozess. Die Grundidee der Delphi-Methode besteht dabei darin, einen zuverlässigen Konsens - also ein Gesamtergebnis - aus verschiedenen Expertenmeinungen zu erhalten. Dies wird durch aufeinander aufbauende Befragungswellen erreicht. Im Zentrum steht der Konsenseffekt: Jedem einzelnen Experten werden jeweils die kumulierten Ergebnisse „aller Befragten" der vorangegangenen Befragungswelle als Entscheidungsgrundlage vorgelegt. Ziel ist, über die Wellen einen Konsens in der Expertengruppe zu erlangen. Jedem Experten ist freigestellt, ob er bei seiner erneuten Einschätzung eines Sachverhaltes diese Ergebnisse mit in seine Überlegungen einfließen lässt oder seine Meinung weiterhin unabhängig davon abgibt.
Das Delphi zur Studie „Zukunft und Zukunftsfähigkeit der IKT und Medien" wurde in zwei Wellen im April und Mai sowie Juni und Juli 2009 internetbasiert durchgeführt. An der ersten Welle nahmen 551 Experten teil, an der zweiten noch 439, dies entspricht einem Rücklauf von knapp 70 Prozent in Welle 1 und 80 Prozent in Welle 2.
Über 300 Zukunftsthesen
In einer Vorphase zur Studie wurde mittels Desk-Research sowie einer Vorbefragung von Experten die Situation der IKT und Medien abgebildet und bis 2012 abgeschätzt. Aus diesen Ergebnissen wurden Thesen und Szenarien generiert, die die Entwicklung und Implikationen heute bereits vorhandener Technologien in die Zukunft projizieren. Zusätzlich wurden von den Projektpartnern und von ihnen benannten IKT- und Medienexperten weitere Thesen zu zukünftigen Trends und Innovationen eingereicht. Insgesamt ist so ein Pool von über 300 Zukunftsthesen entstanden. In Workshops mit dem projektbegleitenden Expertenteam wurden zentrale Thesen aus diesem Pool identifiziert, diskutiert, formuliert sowie zu einem Thesenkatalog zusammengestellt.
Experten spezifisch befragt
Ein Teil der insgesamt 144 Thesen und Szenarien wurde allen Experten vorgelegt, bei der Mehrzahl der Thesen wurden jedoch jeweils nur die Befragten um ihre Einschätzung gebeten, die für dieses Themenfeld eine Expertise angegeben hatten. Ausgehend von ihrem Lebensmittelpunkt wurden die Experten bei Thesen, bei denen der länderspezifische Hintergrund für die Untersuchung von Bedeutung war, jeweils zu dem dort angegebenen Land befragt. Die Experten wurden dementsprechend nachträglich in fünf Gruppen nach ihrem regionalen Schwerpunkt zusammengefasst.
Je dunkler das Blau, desto wahrscheinlicher die These
Die Ergebnisse der Delphi-Studie sind in 37 Artikeln thematisch zusammengefasst. Jedem Artikel vorangestellt ist ein „Zukunftsradar". Es verschafft einen schnellen Überblick über die Leistungen der Studie. Zunächst einmal ist das die Abschätzung, wann gewisse Szenarien oder Thesen (in Deutschland) eintreffen. Blautöne geben an, in welchem Zeitraum eine These nach Meinung der Deutschland-Experten eintreffen wird. Je dunkler das Blau, desto mehr Experten schätzen den jeweiligen Zeitraum als realistisch ein. Je weiter außen sich dieser blaue bis dunkelblaue Zeitraum befindet, desto später wird die These eintreffen. Zusätzlich zeigt der zweite Ring von außen, ob die befragten Deutschland-Experten das Eintreffen einer These oder Szenarios grundsätzlich als unrealistisch einschätzen. Dies ist mit der „Wahrscheinlich nie"-Kategorie veranschaulicht (Abb. 1).
Die Zukunft wird spannend
Die aufwendig konzipierte Studie ist aufgrund ihrer großen Themenbreite in der Lage, zu vielfältigen Themenbereichen Prognosen zu erstellen und somit Handlungsempfehlungen an Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zur Gestaltung der Zukunft zu geben. Von Web 2.0 und digitaler Identität über Open Innovation und das Breitband der Zukunft bis zur Zukunft der Medien und der Integration von IKT im Heim, in Autos und bei der Energieversorgung.
Fachartikel
Ausgabe 7/2009, Seite 32
Artikelnummer: 09-07-32-1
Wissen, was kommt
Delphi-Studie beleuchtet Zukunft der IKT
Wie werden Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) und Medien sich selbst und unsere Welt bis 2030 verändern? Eine Delphi-Studie will darüber Aufschluss geben. Welche Hürden dabei überwunden werden mussten, erklären Robert A. Wieland, Malthe Wolf und Stefanie Sagl.
Kasten:
Die Kernbotschaften der Delphistudie
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Zusammensetzung der Delphi-Teilnehmer
Die Studie basiert auf den Einschätzungen verschiedener Expertengruppen. Das Expertenpanel setzt sich aus Vertretern der Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zusammen, die aufgrund ihres Wissens und ihrer Erfahrung in bestimmten Themengebieten zur Teilnahme an der Studie persönlich aus den Netzwerken der Projektpartner eingeladen wurden und die gleichzeitig neben ihrer Fachkenntnis auch ihr Gespür für das „Denkbare" und „Machbare" einbringen können. Um die Meinung der Experten zur Zukunft der IKT und Medien mit denen junger, IKT-affiner Menschen kontrastieren zu können, wurden zusätzlich die Mitglieder der Gruppe DNAdigital (www.dnadigital.de) um ihre Meinungen gebeten. Die Gruppe setzt sich aus IT-Entscheidern und Digital Natives zusammen (Abb. 2).
Die Kernbotschaften der Delphistudie
- Die zunehmende Digitalisierung geht mit einer weiteren Durchdringung aller Lebensbereiche mit Informations- und Kommunikationstechnologien einher und verändert unsere Informationsgesellschaft umfassend und nachhaltig.
- Akzeptanz und Vertrauen der Menschen im Umgang mit IKT sind die Grundlage der Entwicklung einer modernen und offenen Informationsgesellschaft.
- Leistungsfähige Kommunikationsnetze sind Voraussetzung für eine wettbewerbsfähige Informationsgesellschaft.
- Die mobile Nutzung des Internets verändert die Informationsgesellschaft und schafft neue, eigenständige Anwendungsfelder.
- Die dynamische Entwicklung der IKT-Basistechnologien hat umfassende Auswirkungen auf viele Schlüsselindustrien der deutschen Wirtschaft und auf die Mediennutzung.
Kasten:
Zusammensetzung der Delphi-Teilnehmer
Die Studie basiert auf den Einschätzungen verschiedener Expertengruppen. Das Expertenpanel setzt sich aus Vertretern der Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zusammen, die aufgrund ihres Wissens und ihrer Erfahrung in bestimmten Themengebieten zur Teilnahme an der Studie persönlich aus den Netzwerken der Projektpartner eingeladen wurden und die gleichzeitig neben ihrer Fachkenntnis auch ihr Gespür für das „Denkbare" und „Machbare" einbringen können. Um die Meinung der Experten zur Zukunft der IKT und Medien mit denen junger, IKT-affiner Menschen kontrastieren zu können, wurden zusätzlich die Mitglieder der Gruppe DNAdigital (www.dnadigital.de) um ihre Meinungen gebeten. Die Gruppe setzt sich aus IT-Entscheidern und Digital Natives zusammen (Abb. 2).
