Das Wort Gentechnologie ruft bei den meisten Menschen widersprüchliche Gefühle hervor.Kennzeichnend für dieses Thema ist eine hochgradig emotionale Diskussion, die von Skepsis, Ängsten und Widerständen gegenüber diesem Technologiezweig gelenkt wird. Die Lebensmittelwirtschaft vermeidet bislang jedes Risiko, das mit einem Angebot zugelassener gentechnisch veränderter Lebensmittel verbunden ist. Der potenzielle Markt für gentechnisch veränderte Lebensmittel hat sich vielmehr zu einem Widerstandsmarkt entwickelt, in dem ein „Phantomprodukt" die öffentliche Diskussion dominiert.
Die Gentechnik im Lebensmittelsektor entzieht sich für den Laien der sinnlichen Wahrnehmung. Das „Erkennen" ist für den Verbraucher derzeit nur im Rahmen der gesetzlichen Kennzeichnungspflicht möglich, wobei die Kennzeichnung nicht als Informations, sondern vielmehr als Warnhinweis interpretiert wird.
Aufgabe der vorgestellten Studie war es nicht aufzuzeigen, ob gentechnisch veränderte Lebensmittel in Deutschland am Markt eingeführt werden sollten, sondern wie die Akteure der „FoodValueChain" mit dieser Situation umgehen können. Im Mittelpunkt standen die qualitative Analyse der verhaltensprägenden Faktoren, welche die Meinung zu „Gen-Food" beeinflussen und eine repräsentative Befragung zur Identifikation der unterschiedlichen Einstellungen zu diesem „Phantomthema".
AngstspiraleSobald die Probanden der qualitativen Vorstudie mit der Wortkombination „gentechnisch verändert" konfrontiert wurden, löste sie bei diesen eine „Assoziationsspirale" aus. Zunächst werden vermeintlich nicht gehaltene Versprechen der Moderne beklagt, welche sich in Skandalen und Missachtungen von Wertesystemen manifestieren. Dies führt schrittweise zu einer generellen Kritik am modernen Menschen. Schließlich führt der Begriff „gentechnisch verändert" zur Assoziation mit „Gott spielen" und der Schlussfolgerung, das sei ein „erbrechen" (Abb. 1).
Die Grüne Gentechnik fungiert hierbei als Stellvertreter für eine Kritik am modernen Menschen, so dass eine Auslösung des Schemas unabhängig vom Wissen erfolgt. Ein spezifisches Schema zu gentechnisch veränderten Lebensmitteln ist gegenwärtig nicht möglich, da keine direkte Erfahrung und somit auch kein kommunikativer Austausch darüber mit Dritten gegeben sind.
Gentechnik-TypologieDie anschließende Segmentation auf Basis einer bevölkerungsrepräsentativen Telefonbefragung (deutschlandweit, n=1000, CATI) zeigt jedoch, dass die Folgen des gesellschaftlich verankerten Angstphänomens nicht zwangsläufig negativ sind. Vielmehr gehen die Verbraucher sehr unterschiedlich mit den „Gefahrenmeldungen" im öffentlichen Raum um. Gerade hier zeigt sich, wie wichtig eine differenzierte Betrachtung ist, wenn die Haltung in der Bevölkerung verstanden und darauf adäquat reagiert werden soll.
Die Einstellung und Akzeptanz zur Gentechnik wurde mittels Clusteranalyse über die vielfältigen Einstellungsdimensionen ermittelt. Mehrstufig wurden dabei nicht nur Einstellungen zu gentechnisch veränderten Lebensmitteln, sondern auch allgemeine Einstellungen zu Forschung und Entwicklung bei Lebensmitteln abgefragt.
Letztlich können fünf deutlich voneinander zu differenzierende Verbrauchersegmente ermittelt werden (Abb. 2): Ablehner (16 Prozent), Misstrauisch-Ängstliche (30 Prozent), Desinteressierte (18 Prozent), Aufgeschlossen-Ängstliche (20 Prozent) und Befürworter (16 Prozent).
Gruppe der Misstrauisch-Angstlichen dominiertBemerkenswert ist, dass nicht die überzeugten Ablehner in der Bevölkerung dominieren, sondern die Gruppe der Misstrauisch-Ängstlichen. Diese bedeutsame Ablehergruppe wird von Verunsicherung und mangelnden Vorstellungen persönlich relevanter Vorteile durch gentechnisch veränderte Lebensmittel gelenkt. Auch die Gruppe der Aufgeschlossen-Ängstlichen gibt sich zwar zugänglich, ist aber gleichzeitig stark durch affektive Vorbehalte geprägt. Die Befürworter erweisen sich als aufgeklärt und rational überzeugt von der Grünen Gentechnik, treten aber nicht als Meinungsführer in Erscheinung. Sie meiden es, in der erhitzten Debatte ihre „Pro"Haltung zu offenbaren. Auffallend ist auch der relativ große Anteil der Desinteressierten, die keinerlei Involvement für die Thematik zeigen.
Marktwiderstände bei Innovationen sind nichts Neues. Neu ist allerdings, dass das öffentliche Meinungsbild von einer Gruppe beherrscht wird, die aus Sicht des Marketings nicht zur Zielgruppe gentechnisch veränderter Lebensmittel gehört.
Mangelndes Wissen macht Platz für Emotionen
Bei Betrachtung der Einflussvariablen auf die Einstellung zur Grünen Gentechnik zeigt sich, dass diese im Wesentlichen durch affektive Dimensionen und nicht durch kognitive Bewertungen determiniert wird: Mangelndes Wissen macht Platz für Emotionen. Dennoch ist die Auffassung, der Widerstand gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel sei ein reines Wissens und Informationsproblem, stark zu bezweifeln. Für eine Stärkung der positiven Haltung gegenüber der Grünen Gentechnik muss es Zielsetzung sein, an den vorhandenen affektiven Vorbehalten anzusetzen. Da emotionalen Vorbehalten nur durch vertrauensbildende Maßnahmen begegnet werden kann, ist es nötig, über mehr Transparenz und Glaubwürdigkeit Vertrauen zu generieren - insbesondere in die gesetzlichen Regelungen. Zudem ist es den Befürwortern der Grünen Gentechnik bisher nicht gelungen, potenzielle Vorteile des Einsatzes gentechnischer Verfahren im Agrar- und Lebensmittelsektor für den Verbraucher darzustellen. Wenn ein Verbraucher keine Vorteile erkennen kann und das mit dem Konsum eines gentechnisch veränderten Lebensmittels verbundene Risiko noch so gering ist, dann wird er das entsprechende Produkt nicht auswählen. Der Erfolg von Innovationen lebt nicht nur von der Innovation selbst, sondern entscheidend ist, ob sie erfolgreich kommuniziert wird. Kommunikation ist zwar nicht alles, aber oftmals ausschlaggebend.
Fachartikel
Ausgabe 7/2008, Seite 28
Artikelnummer: 08-07-28-1
Fluch oder Segen?
Studie analysiert Einstellungen zum Thema Gentechnik
Gen- und Biotechnologie gelten als Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts. Dennoch sind in Europa Anwendungen dieser Technik im Agrar- und Lebensmittelsektor - sogenannte Grüne Gentechnik - stark umstritten. Christoph Willers und Lisa Neundorfer analysierten diesen Widerstandsmarkt. Die Grundlagenstudie war zentraler Bestandteil der Dissertation von Christoph Willers an der Universität zu Köln.
