Seitdem 1931 der US-amerikanische Sender CBS begann, ein regelmäßiges Fernsehprogramm auszustrahlen, hat das Medium Fernsehen die Welt erobert. Im Laufe dieser mehr als 70-jährigen Geschichte hat sich die Bedeutung des Wortes Fernsehen gewandelt und das Medium selbst zahlreiche Veränderungen erfahren. Für die meisten von uns hat Fernsehen noch die archetypische Bedeutung, mit einem Programm gleichzeitig Millionen von Menschen zu erreichen. Andere sehen die Zukunft des Fernsehens darin, zu jeder Zeit, an jedem beliebigen Ort jedes beliebige Programm sehen zu können.

Gerade in jüngster Zeit sind einige Entwicklungen zu beobachten, die in diese Richtung gehen und dabei schon unsere heutige Fernsehnutzung, das Fernsehangebot und Strategien der Fernsehunternehmen beeinflussen. Drei Phänomene stehen dabei im Vordergrund:
  • die Zunahme von Multichannel-Haushalten
  • zunehmende Möglichkeiten der individuellen Fernsehnutzung
  • die Vergrößerung des Programmangebots durch immer mehr Sender
Die Zunahme von Multichannel-Haushalten In Europa gibt es immer mehr Fernsehhaushalte, die nicht mehr auf ein kleines Angebot analog terrestrisch ausgestrahlter Sender angewiesen sind. Während 1991 nur 22 Prozent aller europäischen Fernsehhaushalte als Multichannel-Haushalte bezeichnet werden konnten, waren es im Jahr 2005 schon 66 Prozent.

Kabel- und Satellitenfernsehen sorgten schon in den 80er und 90er Jahren in vielen Fernsehhaushalten für eine deutlichere Vergrößerung des Angebots an empfangbaren Fernsehsendern. Ab Ende der 90er Jahre hat die Digitalisierung in vielen weiteren Ländern ihren Bewohnern eine Vergrößerung des Fernsehangebots möglich gemacht. Konnten im Jahr 2000 gerade einmal elf Prozent aller westeuropäischen Fernsehhaushalte digitales Fernsehen empfangen, waren es 2005 schon fast ein Drittel.

Trotzdem gibt es derzeit innerhalb Europas noch große Unterschiede bei den Multichannel-Haushalten: Deutschland, die Beneluxländer und die Schweiz stehen mit 90 Prozent an der Spitze in Europa. Plätze im Mittelfeld (30-45 Prozent) belegen Spanien und Italien. Das Schlusslicht in Westeuropa bildet Griechenland mit weniger als 15 Prozent Multichannel-Haushalten. Das Ende dieser Ungleichheit wird spätestens mit der Abschaltung des analogen Fernsehsignals erwartet, die in den meisten europäischen Ländern zwischen 2008 und 2015 vorgesehen ist.

Zunehmende Möglichkeiten der individuellen Fernsehnutzung
Schon seit einigen Jahren steigt die Zahl der Fernsehhaushalte, in denen nicht nur ein einziger Fernseher für die ganze Familie steht, sondern zusätzliche Geräte in Kinder-, Schlaf- oder Arbeitszimmer individuelles Fernsehen ermöglichen. Derzeit sind in Westeuropa die Hälfte aller Haushalte so genannte Multiset-Haushalte, in Zentral- und Osteuropa machen sie etwa ein Drittel aus.

Einen weiteren Schub wird die individuelle Nutzung vor allem durch die Verbreitung neuer Technologien erhalten: im Wesentlichen internetbasiertes Fernsehen, das so genannte IPTV, und mobiler Empfang über Mobiltelefone (Handy-TV).

IPTV steckt derzeit mit etwa zwei bis drei Millionen Fernsehhaushalten in Westeuropa noch in den Kinderschuhen. Dem Fernsehen über Internet mit strenger Kontrolle über die Programmrechte wird aber hohes Entwicklungspotenzial eingeräumt. Eine der interessantesten Anwendungen dürfte dabei Triple Play sein. Hierunter versteht man gebündelte Angebote aus IP-Telefonie, schnellem Internetzugang und Fernsehen (klassische Fernsehsender und pay-per-view-Optionen). In einigen Ländern, wie Großbritannien, Italien und Frankreich, können solche Angebote bereits genutzt werden. In Frankreich beispielsweise haben zwei Jahre nach Einführung von Triple Play durch France Télécom bereits mehr als 200.000 Haushalte den Dienst abonniert.

Etwas vorsichtiger sind die Einschätzungen des Entwicklungspotenzials von Handy-TV. Ursache hierfür ist neben den konkurrierenden Standards DVB-H und DMB vor allem die derzeit noch feststellbare Zurückhaltung bei potenziellen Käufern in Europa. Hier wurde erst 2004 mit dem UMTS Standard die Voraussetzung für mobiles Fernsehen geschaffen. Derzeit nutzen etwa sechs Prozent der erwachsenen Bevölkerung 3G, die dritte Generation der mobilen Telefonie.

In Japan, wo die 3G-Telefonie bereits seit 2001 möglich ist, stößt Handy-TV dagegen auf größere Resonanz. Dort sind nach dem kommerziellen Start von Mobile-TV am 1. April 2006 innerhalb von nur drei Wochen eine halbe Million Handys mit TV-Funktion verkauft worden. Nicht zuletzt wird die Durchsetzung von Handy-TV in Europa von den Programminhalten abhängen, die für Mobiltelefone angeboten werden. Kaum jemand wird sich wirklich gerne Spielfilme und lange Features auf dem kleinen Schirm anschauen wollen. Dagegen scheint der kleine Entertainment-Happen für zwischendurch, wie etwa Sportsequenzen, Musikclips und News perfekt für dieses Format zu sein. Positive Schätzungen gehen davon aus, dass bereits 2009 fast 20 Millionen Menschen in Europa und über 50 Millionen weltweit Fernsehen mobil nutzen werden. Dabei ist allerdings noch nicht klar, welches Business Modell sich durchsetzen wird - Live-Ausstrahlung oder Download von Sendungen.

Zunehmendes Programmangebot durch das Entstehen neuer Sender In Europa drängen Jahr um Jahr neue Fernsehsender auf den Markt. Derzeit sind über 1700 Fernsehsender zu empfangen. Allein 2003 gingen in Europa 295 neue Fernsehsender an den Start. 2004 kamen 277 hinzu, und 2005 weitere 114.

Dies betrifft in erster Linie Sparten- und Nischenkanäle, die sich zumeist über Abogebühren finanzieren. In den vergangenen drei Jahren wurden vor allem Sportkanäle (21 neue Sender), Erotikkänale (13 neue Sender) und Home-Shopping-Kanäle (elf neue Sender) gestartet. Aber es gibt auch Beispiele für Neustarts bei Free-TV-Sendern, die sich an ein breites Publikum richten: Am erfolgreichsten dabei waren Talpa (Niederlande) und RTL Televizija (Kroatien). Der von John de Mol gegründete Sender Talpa, der im Sommer 2005 auf Sendung ging, brachte durch Abwerbung populärer Moderatoren und Ankauf erfolgreicher Formate Bewegung in den niederländischen Fernsehmarkt. Und das im April 2004 in Kroatien lancierte RTL Televizija avancierte gar innerhalb kürzester Zeit zum zweiterfolgreichsten Fernsehsender.

Kein Ende des klassischen TV Neue Technologien und neue Sender werden in Zukunft unsere Art fernzusehen bereichern: Wir sind nicht mehr darauf angewiesen, aus einer kleinen, überschaubaren Anzahl von Programmen bestimmte Sendungen zu festgelegten Uhrzeiten an einem festgelegten Ort zu sehen. Dennoch kann man prognostizieren, dass die neuen technischen Möglichkeiten nicht das Ende des klassischen TV bedeuten. Die meisten Menschen werden von der großen Auswahl nur in den wenigsten Fällen Gebrauch machen und weiterhin ihre Lieblingssender einschalten. Und für Zuschauer und Werbungtreibende werden die klassischen Sender auch und gerade im digitalen Dschungel nach wie vor Orientierung geben.