RR: Seit gut einem halben Jahr ist der ADM-Vorstand neu besetzt. Das erste volle Amtsjahr steht an. Was hat sich der ADM für 2006 auf die Fahnen geschrieben?

Scheffler: Die Verbandsarbeit des ADM ist seit einer Reihe von Jahren auf drei Schwerpunkte konzentriert: die politische Interessenvertretung der privatwirtschaftlichen Markt- und Sozialforschungsinstitute, die Selbstregulierung des berufsständischen Verhaltens und die Bewahrung und Förderung der wissenschaftlichen Qualität der Markt- und Sozialforschung. An diesen Zielen halten wir auch im Jahr 2006 fest.

Die politische Interessenvertretung muss zugleich national und europäisch ausgerichtet sein. Darauf werden wir im Jahr 2006 verstärkt achten. Bei der Selbstregulierung haben wir damit begonnen, die „Stakeholder" außerhalb der Markt- und Sozialforschung systematisch in die Entwicklung der entsprechenden Richtlinien einzubeziehen. Dadurch gewinnen die berufsständischen Verhaltensregeln erheblich an Durchsetzungskraft. Nach der Entwicklung und Verabschiedung der „ISO Norm für Markt- und Sozialforschung" wird es im Jahr 2006 verstärkt darauf ankommen, sie in der deutschen Markt- und Sozialforschung zu etablieren. Die entsprechenden Aktivitäten werden sich sowohl an die Forschungsinstitute als auch an deren private und öffentliche Auftraggeber richten.

RR: Warum ist Selbstregulierung für die Branche wichtig?

Hasselmann: Eine wirksame Selbstregulierung ist das beste Argument gegen eine immer mögliche überzogene oder unangemessene Fremdregulierung durch externe Stellen. Die Selbstregulierung der Markt- und Sozialforschung hat eine lange Tradition und wird mit Ernsthaftigkeit betrieben. Dadurch unterscheidet sie sich von der Selbstregulierung manch anderer Branchen. Deshalb wird sie von externen Stellen anerkannt. Der ADM wird gemeinsam mit den anderen Verbänden der deutschen Markt- und Sozialforschung das bestehende System der Selbstregulierung weiter ausbauen.

RR:
Welche Richtung schlägt der ADM dabei ein?

Hasselmann: Damit Selbstregulierung wirksam ist, bedarf sie sowohl der internen als auch der externen Anerkennung. Letztere wird dadurch gesteigert, dass beispielsweise die zuständigen Aufsichtsbehörden für den Datenschutz systematisch und frühzeitig in die Entwicklung von Standesregeln einbezogen werden. Gerade diesbezüglich hat der ADM in letzter Zeit ausgesprochen positive Erfahrungen gemacht und wird deshalb den eingeschlagenen Weg konsequent weitergehen. Er wird darüber hinaus, soweit ihm dies als nationalem Verband möglich ist, zur internationalen Harmonisierung der Berufsgrundsätze und Standesregeln der Markt- und Sozialforschung beitragen.

RR: Welche Rolle spielt der „Rat" für die Selbstregulierung?

Scheffler: Ohne die Möglichkeit, standeswidriges Verhalten zu sanktionieren, ist jede Selbstregulierung ein „zahnloser Tiger". Deshalb haben die Verbände der deutschen Markt- und Sozialforschung mit dem „Rat der Deutschen Markt- und Sozialforschung e.V." eine mit adäquaten Sanktionsmöglichkeiten versehene Beschwerdestelle etabliert. Diese Form der Selbstkontrolle der deutschen Markt- und Sozialforschung erfährt international hohe Anerkennung und dient anderen Ländern bei der Etablierung entsprechender Einrichtungen als Vorbild. Der ADM sieht es als seine Bringschuld an, zukünftig den „Rat" und seine Arbeitsweise der Öffentlichkeit noch stärker zu kommunizieren.

RR:
Erst kürzlich haben sich mehrere deutsche Branchenverbände zu Konsultationen getroffen. Wie intensiv ist diese Zusammenarbeit?

Wachter: Der ADM arbeitet seit vielen Jahren mit dem BVM und der ASI erfolgreich zusammen. In den letzten Jahren wurde auch die D.G.O.F. in diese Zusammenarbeit einbezogen. Das zentrale Thema der Zusammenarbeit der Verbände der deutschen Markt- und Sozialforschung ist die Selbstregulierung der Branche durch die Entwicklung oder Weiterentwicklung der Berufsgrundsätze, Standesregeln und Qualitätsstandards. In der damit eng verbundenen Selbstkontrolle wurde die Zusammenarbeit durch die Gründung des Rates der Deutschen Markt- und Sozialforschung e.V. als verbandsübergreifender Beschwerdestelle sogar schon institutionalisiert.

Der ADM ist - wie auch die anderen Verbände - bestrebt, die bestehende Zusammenarbeit zu intensivieren und auszuweiten. Die diesbezüglichen Möglichkeiten wurden beim ersten so genannten „Weinheimer Gespräch" erörtert, zu dem im November 2005 auf Einladung des ADM die Verbände zusammen gekommen sind. Insbesondere in der Außendarstellung der Markt- und Sozialforschung ist eine Intensivierung der Zusammenarbeit sinnvoll.

RR: Neben diesen nationalen Aktivitäten haben Sie eingangs auch die Rolle der europäischen Interessenvertretung betont. Warum?

Wiegand:
Die Marktforschung ist zu einem bedeutenden Teil eine internationale Aktivität geworden. Dementsprechend haben sich die Markt- und Sozialforschungsinstitute auf die eine oder andere Weise als „Global Player" aufgestellt. Für den ADM, genauso wie für die anderen nationalen Verbände, ergibt sich daraus die Notwendigkeit, über den „nationalen Tellerrand" hinaus zu schauen.

Folglich pflegt der ADM seit vielen Jahren intensive Kontakte mit ESOMAR und hat bei EFAMRO eine zentrale Rolle übernommen. Entsprechend der zunehmenden Europäisierung der politischen Entscheidungen wird die Bedeutung von EFAMRO als dem europäischen Dachverband der nationalen Wirtschaftsverbände der Markt- und Sozialforschung zunehmen. Deshalb ist für eine effiziente Vertretung der Interessen der deutschen Markt- und Sozialforschungsinstitute die aktive Mitgestaltung der europäischen und internationalen Verbandsaktivitäten durch den ADM entscheidend.

RR: Zurück nach Deutschland - hier hat der ADM einen neuen Ausbildungsberuf etabliert. Wie kam es dazu?

Scheffler:
In der Markt- und Sozialforschung ist gerade in den letzten Jahren eine Reihe von Aufgabenfeldern entstanden, die keine akademische Ausbildung erfordern oder deren notwendige Qualifikationen im Rahmen einer akademischen Ausbildung gar nicht vermittelt werden. Das trifft insbesondere für die organisatorische und technische Abwicklung von Studien zu.

Um dieser Tatsache Rechnung zu tragen, hat sich der ADM in den letzten drei Jahren dafür engagiert, dass ein entsprechender Ausbildungsberuf mit dem zugehörigen Qualifikationsprofil geschaffen wird. Dies ist mit dem beziehungsweise der „Fachangestellten für Markt- und Sozialforschung" gelungen. Jetzt kommt es darauf an, die potenziellen Ausbilder und Arbeitgeber von den spezifischen Vorteilen dieser beruflichen Ausbildung zu überzeugen - also privatwirtschaftliche Forschungsinstitute, betriebliche Marktforschungsabteilungen, Unternehmensberatungen, Werbeagenturen und öffentliche Forschungseinrichtungen. Gleichzeitig gilt es, den potenziellen Auszubildenden die Attraktivität einer beruflichen Ausbildung in der Markt- und Sozialforschung überzeugend zu verdeutlichen.

RR: Wer kann beim ADM eigentlich Mitglied werden?

Wachter: Der ADM vertritt als Wirtschaftsverband die Interessen der privatwirtschaftlichen Markt- und Sozialforschungsinstitute in Deutschland. Er ist dazu legitimiert, weil er allein schon durch die Zahl seiner Mitgliedsinstitute und den durch sie repräsentierten Umsatz in der Branche tief verwurzelt ist. Deshalb ist die Verbandspolitik des ADM seit vielen Jahren auf ein kontrolliertes Wachstum der Zahl seiner Mitglieder ausgerichtet. Mit kontrolliertem Wachstum ist gemeint, dass der Mitgliederzuwachs nicht mit einer „Verwässerung" der Berufsgrundsätze, Standesregeln und Qualitätsstandards der Markt- und Sozialforschung verbunden sein darf.

Im ADM haben alle privatwirtschaftlichen Markt- und Sozialforschungsinstitute Platz, die garantieren können, die berufsständischen Verhaltensregeln einzuhalten und die wissenschaftlichen Qualitätsstandards zu beachten. Die Größe eines Instituts oder seine wissenschaftliche Ausrichtung spielen als Aufnahmekriterien für den ADM keine Rolle, auch wenn vereinzelt dieses Vorurteil besteht.

RR: Welche Meilensteine sind für das Jahr 2006 gesetzt?

Scheffler: Die ISO Norm 20252 für Anforderungen an Dienstleistungen der Markt- und Sozialforschung wird im Frühjahr 2006 in Kraft treten. Im Hinblick auf ihre allgemeine Anerkennung als wissenschaftliche Forschung stellt dieser eigenständige Qualitätsstandard für die Markt- und Sozialforschung einen Meilenstein in ihrer Entwicklung dar. Er ist nur mit der erstmaligen Veröffentlichung des berufsethischen Verhaltenskodex im Jahr 1948 vergleichbar.

Und im Sommer 2006 werden die ersten „Fachangestellten für Markt- und Sozialforschung" mit ihrer dreijährigen Ausbildung beginnen. Damit wird neben der akademischen Ausbildung eine zweite Möglichkeit des Einstiegs in die Markt- und Sozialforschung mit einem eigenständigen Qualifikationsprofil geschaffen.

RR: Vielen Dank für das Gespräch.