Intelligenz entsteht weder im Kopf noch im Netz. Intelligenz entsteht, wenn viele Köpfe miteinander kommunizieren, handeln und Probleme lösen. Smarte Mehrheiten verändern Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend. Beispiele existieren viele. So kommunizieren smarte Mehrheiten mittels digitaler Logbücher, den so genannten Blogs. Die digitale Mundpropaganda in den Blogs beginnt den Medien und den Zeitungsmarkt zu revolutionieren. Es wächst ein Graswurzeljournalismus, der den Dialog dort aufnimmt, wo die klassischen Medien bisher monologisierten. In den Blogs informiert sich die Öffentlichkeit vielsagender als in den klassischen Medien. Auch Wissen gehört nicht mehr den Experten. Kostenfreie Internet-Enzyklopädien verändern den Wissens- und Buchmarkt. In den interaktiven Enzyklopädien ist die Mehrheit schlauer als die Experten.

Auch die Spiele-Industrie setzt auf Schwarm-Intelligenz. Bei www. darkandlight.com wächst zuerst die Community, die am Produkt kostenlos mitarbeitet. Erst im zweiten Schritt erwirtschaftet das Unternehmen seinen Gewinn mit denjenigen, die das Spiel mitgestaltet haben. Apple erkannte die Chancen der Musik-Tauschbörsen im Internet frühzeitig. Inzwischen verkauft das Unternehmen mehr iPods als Laptops. Der Kult um die Marke Apple erstrahlt in neuem Glanz - auch an der Börse. Alle aufgezeigten Veränderungen folgen den Prinzipien der Schwarm-Intelligenz: Smarte Mehrheiten lösen Probleme auf allen Märkten ohne Plan. Sie kennen keine stabile Organisationsstruktur, sondern reagieren mit der Flexibilität eines Schwarms. Dadurch werden sie unangreifbar, erfolgreich und intelligent.

Schwarm-Intelligenz hat Konjunktur, obwohl die europäische Wirtschaft schwächelt. Gegenwärtig verändert Schwarm-Intelligenz die europäische Wirtschaft und Gesellschaft dort, wo deren gestrige Strukturen morsch werden. Erfolgreiche Unternehmen erwirtschaften Gewinne mit der Intelligenz ihrer Kunden. Die Pionier-Branchen für Knowledge, News, Blogs, Software und Games arbeiten auf neuen Märkten mit veränderten Geschäftsmodellen. eBay, Google, Blogger.com, Sims oder Warcraft erzielen Umsätze, die sie aus der Kooperation vieler Individuen entstehen lassen. Sie nutzen Schwarm-Intelligenz. Mit der Intelligenz von vielen lösen sie die Aufgaben des Einzelnen. Schwarm-Intelligenz entsteht aus dem Zusammenspiel der Gruppe. Die Voraussetzungen sind, dass individuelle, unabhängige und dezentralisierte Mitglieder die Menge ausmachen, dass Dissens und Wettbewerb die Interaktion bestimmen und dass Netzwerktechnologien die Verbindungen organisieren. Schwarm-Intelligenz umgeht die Werbeflaute. Sie involviert große Konsumentenschwärme ohne kostspieliges Marketing oder Öffentlichkeitsarbeit.

Konsumenten sind das Unternehmen

„Ohne Konsumenten kein Unternehmen" lautet ein Grundsatz der Wirtschaft. Wer die feinste Schokolade, die leckerste Milch, die schönsten Designstühle, die coolsten Jacken anbietet, aber in oder vor seinem Laden kein Platz für Kunden hat, verkauft nichts. Ohne Raum für Kunden existiert kein Geschäft. Konsumenten wollen auch nicht mit gedruckten Katalogen allein zu Haus sein, nur weil Unternehmen keinen Platz für sie haben. Konsumenten wollen zudem nicht lediglich die interaktive Bindung an eine Marke, sondern ein Teil des Unternehmens sein. Konsumenten wollen da sein, wo sie mit anderen sind. Sie wollen im Schwarm sein. Wer seinen Kunden diese Leistung anbietet, kann ein milliardenschweres Unternehmen wie Amazon, Yahoo, Google oder diverse Games und Blogger-Sites werden. Diese Vorreiter haben gemerkt, dass sie Konsumenten für Produktion und Marketing brauchen. Verzichten Unternehmen darauf, verzichten künftig die Konsumenten auf das Unternehmen.

Kostenlose Mitarbeiter

Die Schwarm-Intelligenz kostenloser Mitarbeiter macht Unternehmen profitabler. Stellen Sie sich vor, ihr Unternehmen produziert auf Hochtouren und kein Mitarbeiter will ein Gehalt. Ihr Unternehmen wächst über einen Marktwert von einer halben Milliarde Dollar hinaus, aber es soll keinem gehören. Als Vorbild für ein solches Unternehmen dient gegenwärtig www.wikipedia.org, das größte Online-Lexikon der Welt. Alle 16 Wochen verdoppelte die Online-Enzyklopädie bisher ihren Umfang. Schwarm-Intelligenz übernimmt hier die Autorenschaft. Eine Schar von Freiwilligen arbeitet an der aktuellsten und internationalsten Enzyklopädie der Welt.

Trends ersetzen Traditionen

Individuen schützen sich mit Schwarm-Intelligenz vor dem Verlust ihrer gewohnten Sicherheiten. Sie merken, dass der Markt, der Staat, die Familie oder die Unternehmen kaum noch die Stabilität bieten, die sie wollen. Smarte Mehrheiten schreiben ihr Online-Lexikon, weil sie in den Büchern nicht mehr das finden, was sie wissen wollen. Oder sie gestalten Computerspiele, weil sie selbst besser spüren, was die spannendsten Spiele sind. Und sie geben sich persönliches Feedback auf Fragen, deren Beantwortung sich ein Unternehmen wie etwa Microsoft nicht leisten wollte. Zunächst waren es nur einfach Diskussionsforen der Computerfreaks, die Fragen zu Microsoft und anderen Unternehmen beantworteten. Doch heute sind aus diesen Foren riesige Unternehmen entstanden, die als Firefox und Linux immer ernstzunehmender werden.

Digitale Mundpropaganda

Kommunikation erzeugt Märkte, das war schon immer so. Doch bisher waren diese meist räumlich begrenzt. Im Internet entsteht ein Nervensystem, welches fein vernetzt für eine neue Medienöffentlichkeit sorgt. Weblogs binden gegenwärtig das Interesse von vielen. Jeder der möchte, ist aufgefordert seine Information in ein Weblog zu stellen oder ein eigenes zu begründen. Bei www.Blogg.de, www. blogger.de, www.20six.de und anderen deutschsprachigen Anbietern wurden bisher 50.000 Blogs begründet. In den USA sind es bereits neun Millionen Blogs. Allerdings sind von ihnen 99,9 Prozent verwaist und weitgehend unbenutzt. Und trotzdem verändern die aktiven Blogger mit ihrer digitalen Mundpropaganda die amerikanischen Medien in Politik und Wirtschaft.

Graswurzeljournalismus

Blogger haben keine gemeinsame Identität, sie sind keine Nation. Ihre Schwarm-Intelligenz besteht darin, sich global zu vernetzen und durch gemeinsames Handeln weltweit zugängliches Wissen zu produzieren. Ihre Berichterstattung folgt eigener Wahrheitsfindung und erlangt dadurch politische Macht. Im Februar 2005 trat beispielsweise der CNN-Nachrichtenchef Eason Jordan nach umstrittenen Äußerungen über die Rolle amerikanischer Soldaten beim Tod von Journalisten im Irak zurück. Die amerikanische Blogosphäre triumphierte, weil sie für sich beanspruchte, den Rücktritt maßgeblich herbeigeführt zu haben. Ebenfalls setzt George W. Bush mit www.blogsforbush.com auf die politische Unterstützung der unorganisierten Mehrheiten. Die Marketingabteilung von Nike hat bei www.gawker.com schon im Sommer 2004 ein Adverblog zur Kundenkommunikation geschaltet.

Links statt Produkte

Die Hauptaufgabe des Marketings war es, den Konsumenten zum Kauf eines Produkts zu motivieren. Unter den Bedingungen der Schwarm-Intelligenz verändern sich die Aufgaben des Marketings. Künftig übernimmt das Marketing die Funktion, Konsumenten zu motivieren, frühzeitig über ein Produkt zu entscheiden. Unter Netzwerkbedingungen verändern sich die Märkte radikal: Konsumenten werden statt Spezialisten entscheiden; Echtzeit wird die Testzeit ersetzen. Links und Vernetzungen werden damit wichtiger als Produkte. In neuer Marketingstrategie muss ein Unternehmen vermittelt werden, um Konsumenten zu motivieren, ein profitables Produkt entstehen zu lassen.

Leere Unternehmen

Schwarm-Intelligenz geht vom Prinzip der „leeren" Unternehmen aus, deren Produkte die Konsumenten erzeugen. Zu solchen leeren Unternehmen gehören eBay, google, Amazon, Blog-Anbieter, Radiostationen des Podcastings und viele Online-Computerspiele. Für das „leere" Unternehmen eBay sind beispielsweise nicht die Angebote wichtig, sondern die Beziehung zum Kunden. Für die Kundenbeziehung unternimmt eBay alles, in der Wahl des Angebots ist eBay für nahezu alles offen. Im Prinzip des „leeren" Unternehmens sorgen Kunden für das Unternehmen. Weblogs, das Computerspiel Warkraft mit eineinhalb Millionen Abonnenten, das Meinungsportal www.opinio.de sind erfolgreich geworden, weil ihre vernetzten Communities ihr unternehmerisches Kapital sind. Mit Schwarm-Intelligenz erwirtschaften Unternehmen zuerst einen Kundenstamm und später einen Gewinn.

Was leistet Schwarm-Intelligenz?

Schwarm-Intelligenz bietet Unternehmen die Möglichkeit, mit der Intelligenz von vielen zu entscheiden, Probleme zu lösen und Abläufe zu koordinieren. Im Ergebnis wird bei Schwarm-Intelligenz stets eine mehrheitsfähige Lösung resultieren, da alle beteiligt waren. Trotz aller Kraft kollektiver Intelligenz kann Schwarm-Intelligenz nicht erfinden. Erfindung ist ein individueller Prozess. Erfindungen benötigten das kreative Individuum, das unabhängig vom Schwarm seinen Ideen folgt. Ausschließlich die Bewertung und Koordination von Innovationen ist ein kollektiver Prozess.