Ausgabe 1/2005, Seite 16
Artikelnummer: 05-01-16-1
Virtuelle Testmärkte
Online-Konzepttest für Markenartikler
Bei der Entwicklung von Neuprodukten und Line Extensions ist es wesentlich, möglichst frühzeitig die Spreu vom Weizen zu trennen. Andera Gadeib stellt einen Online-Test vor, der Visualisierungsmöglichkeiten konsequent nutzt. So nähert sich die Virtualität der Realität und ist doch einsetzbar, bevor das Produkt real existiert. Gründliche Validierung ist inbegriffen.
Das dynamische Konsumentenverhalten und zunehmender Innovationsdruck steigern den Bedarf an „Früh-Tests" neuer Produktideen. Bereits in der Konzeptphase der Produktentwicklung gilt es, das Erfolgspotenzial zu bewerten und so die Erfolgsquote bei Neueinführungen zu optimieren.
Bisher werden simulierte und reale Markttests immer dann eingesetzt, wenn ein neues Produkt - nach Entwicklung, aber vor der Markteinführung - in einem probeweisen Verkauf getestet werden soll. Dies geschieht mit Store Tests oder auch Testmarktsimulationen im Studio und Mini-Testmarktverfahren. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie erst zu einem relativ späten Zeitpunkt eingesetzt werden können, da das Produkt physisch vorliegen muss. Alle genannten Verfahren sind zeitaufwändig und kostenintensiv. Studiotests haben den Nachteil, dass sie häufig mit kleineren Stichprobengrößen arbeiten und möglicherweise Einschränkungen in der Aussagekraft der Ergebnisse hinnehmen müssen. Je nach Samplingverfahren - etwa in Shopping-Malls - sind Selektionseffekte zu erwarten. Die Studio- und Interviewerkosten bilden auch hier einen bedeutenden Kostenblock.
In neueren Verfahren werden im Studio auf dem Bildschirm oder der Leinwand die Produkte simuliert. Das ermöglicht, einen Test auch ohne Vorlage des Produkt-Prototypen durchzuführen. So kann das Potenzial eines Produktes auf Konzeptbasis ermittelt, das Potenzial der „Idee" unabhängig von der konkreten Umsetzung beziehungsweise Exekution erforscht werden.
Konzepttests in der Frühphase
In der Frühphase der Produktentwicklung kommen häufig quantitative Konzepttests zum Einsatz, die das Verbalkonzept des neuen Produktes auf Basis eines standardisierten Befragungsinstruments evaluieren. Diese Tests ermöglichen die vergleichende Beurteilung einzelner Konzepte mit Alternativ-Entwürfen oder auch mit Produkten der Wettbewerber. Üblicherweise werden Benchmarks über die wesentlichen Kennziffern, beispielsweise Einzigartigkeit, Glaubwürdigkeit, Markenpassung und insbesondere Kaufabsicht (mit und ohne Preis) gerechnet und zu einem testübergreifenden Vergleich herangezogen.
Konzepttests gehören zur gängigen Praxis der Online-Forschung. Sie werden allerdings - leider - viel zu häufig als reine Blaupause, also Adaption, der klassischen standardisierten Fragebögen realisiert. Dabei bietet das Online-Medium gegenüber den klassischen Verfahren deutliche Vorteile wie:
- Geschwindigkeit
- Visualisierung der Kaufumgebung
- Simulation verschiedener Settings
- Effizienz
Ein elementares Ergebnis eines solchen Tests ist die Prognose des Markterfolgs. Daher steht regelmäßig die Abfrage der Kaufabsicht im Fokus.
Aus der Marktforschungs-Praxis (online wie offline) ist jedoch bekannt, dass die häufig eingesetzte verbalisierte Kaufabsichtsskala (zum Beispiel eine 5-Punkt-Skala von „würde ich ganz sicher kaufen" bis „würde ich ganz sicher nicht kaufen") nicht unbedingt reliabel misst: In zwei Produkttests mit ein- und demselben Produkt misst die Skala unter Umständen verschiedene Kaufabsichten, wenn etwa Probanden die Bedeutung der verbalen Beschreibung unterschiedlich auffassen. Es ist schwer, auf Basis der gebildeten Kategorien eine quantitative Aussage über die Kaufabsicht zu bilden. Und nicht zuletzt wurde in empirischen Studien belegt, dass die Kaufabsichtsskala das hohe Maß an Käufen aus der Gruppe der Nicht-Käufer (laut Messung) nicht ausreichend vorhersagt. Die Zuverlässigkeit der Aussagen zur Kaufabsicht scheint daher verbesserungswürdig.
Neue Möglichkeiten Online
Online-Marktforschung bietet die Möglichkeit, zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Produktentwicklung Konzepttests durchzuführen und diese mit einer Marktsimulation zu verknüpfen. Bereits im Konzepttest wird die Kaufsituation am POS über virtuelle Testregale einbezogen, so dass die Kaufabsicht im Regal inklusive der Wettbewerbssituation gemessen wird. Hierdurch ergibt sich ein deutlicher Vorteil gegenüber den bisherigen Verfahren hinsichtlich der Geschwindigkeit, Effizienz und Zuverlässigkeit des Tests. Im Ergebnis werden neben den klassischen Aussagen des Konzepttests über das relative Abschneiden der Konzepte gegenüber bestehenden Benchmarks auch konkrete Aussagen über Kannibalisierungseffekte gemacht, also die Auswirkungen des Neuprodukts auf den eigenen Marktanteil und die Anteile der Wettbewerber. Mit diesem Verfahren können Fragen beantwortet werden wie: „Welche Marke/ welches Produkt gewinnt beziehungsweise verliert Marktanteile, wenn ich mein neues Produkt in den Markt einführe" oder „Sind die Käufer des Neuprodukts vorwiegend bestehende Kunden oder ist das Konzept in der Lage Wettbewerbskäufer zu aktivieren?".
Kasten:Future Market: Der virtuelle Shelf-TestDas Instrument FutureMarket besteht aus einer etwa 15-minütigen Online-Befragung mit einer eingebetteten Regal-Simulation. Der Test mehrerer Konzepte erfolgt grundsätzlich monadisch, jeder Proband beurteilt also nur ein Konzept. Die Brutto-Stichprobe wird aus Access Panels gezogen, die gegebenenfalls bereits auf Basis demographischer Merkmale wie Alter oder Geschlecht vorselektiert wurden. Die Quotierung hält die Samples für die monadische Beurteilung strukturgleich. Dies schließt zusammen mit der Online-Feldkontrolle Stichprobeneffekte in der vergleichenden Betrachtung zwischen den Konzepten weitgehend aus.
Die Probanden gelangen per individuellem Link im Einladungsschreiben auf den Online-Fragebogen. In der Regel stellt ein verdecktes Screening im ersten Abschnitt der Befragung sicher, dass nur die gewünschte Zielgruppe, also beispielsweise nur Verwender der Kategorie oder haushaltsführende Personen, zur Hauptbefragung weitergeleitet wird. Probanden, die nicht dem Stichproben-Profil entsprechen oder deren Profil bereits ausreichend in der Netto-Stichprobe vorhanden ist, werden direkt zum Ende der Befragung geführt.
Erklärungsbedürftige Skalen (wie die 11-Punkt-Skala nach Juster zur Messung der Kaufwahrscheinlichkeit) werden zu Beginn der Hauptbefragung vorgestellt und eingeführt. Im so genannten Pre-Regal tätigt der Proband das erste Mal seinen virtuellen Kauf. Die Einkaufsaufgabe wird klar formuliert, es besteht keine reale Kaufverpflichtung. In der Regel wird in dieser Aufgabe der Bedarf für einen vorgegebenen, der Kategorie angemessenen, Zeitraum gekauft. Im Anschluss wird das Konzept vorgestellt und getestet. Abschließend erhält der Proband erneut die Aufgabe, seinen Einkauf zu tätigen, diesmal allerdings im um das neue Produkt ergänzten Post-Regal.
Das virtuelle Testregal wird heute als Erweiterung des Konzept- oder Produkttests eingesetzt. So lassen sich in einer sehr frühen Phase Aussagen über die Durchsetzungsfähigkeit des neuen Produktes im Wettbewerbsumfeld machen. Simulationen sind unter kontrollierten Bedingungen möglich. Neben dem Test verschiedener Konzeptentwürfe werden insbesondere Variationen einzelner Produkte simuliert, beispielsweise:
- Preisstellung
- Packungsgröße
- Packungsgestaltung
- Platzierung im Regal innerhalb des Sortiments/innerhalb des Wettbewerbsumfeldes (Category Management)
- Sortimentsgestaltung
Präferenzen der Konsumenten für bestimmte Produktvarianten lassen sich deutlich abbilden. Kannibalisierungseffekte treten durch Gain& Loss-Analysen zu Tage. Mit FutureMarket wurden bereits Empfehlungen für die internationale Sortimentsharmonisierung realisiert. Volume-Forecast-Modelle werden derzeit in Zusammenarbeit mit Kunden entworfen.
Kasten:Steckbrief:Online-Befragung über Access Panels
Netto-Stichprobe i.d.R. n=250 je Zelle oder größer, falls benötigt
Zielgruppe: Käufer der jeweiligen Kategorie, zielgruppen- oder bevölkerungsrepräsentativ quotiert
Interviewdauer: 10-15 Minuten
Incentivierung: Panel-Punkte im Gegenwert von durchschnittlich 1,50 Euro
Technische Anforderungen beim Befragten: Datenmenge ca. 475 kB, Ladezeit 60 sec. mit ISDN, 6 sec. mit DSL, keine Plug-Ins nötig
Kasten:Der virtuelle Shelf-Test: Validierungsstudie Schokolade Es sollten sowohl die Fragestellung und die Darstellung des Regals als auch die verwendete Skala auf ihre Güte überprüft werden. Eine Validierung ist jeweils in den Kategorien vorab vorzunehmen, in denen Konzepte getestet werden sollen. So wurde das Instrument unter anderem in der Kategorie Schokolade - hier: 100 g Tafeln - überprüft. Die Ergebnisse sind ermutigend. Sie wurden auch auf dem BVM-Kongress 2004 vorgestellt.
Reliabilität Die Prüfung lieferte eine mittlere Retest-Reliabilität zwischen .85 und .89 beim vergleichenden Test von 3 Marken und 16 Sorten, sowie eine hohe Korrelation von .82 bei 7 Marken und 18 Sorten. Bei einer Wiederholungsmessung wies nur eines von 17 Produkten eine signifikante Abweichung auf, ohne dass an dieser Stelle etwa auftretende Saison- oder Promotioneffekte berichtigt wurden.
Validität (siehe Abb.)Die spannende Frage ist selbstverständlich, wie gut das im virtuellen Regal gemessene Bild zu den realen Marktanteilen passt. Daher wurde eine externe Validierung durchgeführt. Panel-Daten wurden den im virtuellen Regal gemessenen Marktanteilen gegenüber gesetzt. Auf Markenbasis (hier: 7 führende Marken) liegt das R 2 ? mit .92 erfreulich hoch. Demnach ist das virtuelle Testregal in sehr hohem Maße in der Lage, den realen Markt abzubilden. Bei Betrachtung von 17 Einzelprodukten erzielt das Regal immerhin noch einen beachtlichen Wert von .59, ohne dass korrigierende Faktoren hinzugezogen werden.
Fazit Produkte mit kleineren Marktanteilen werden eher überschätzt, große Marken dagegen tendenziell unterschätzt. Dies ist bei der weiteren Vorgehensweise zu berücksichtigen. Es wurden weitere Faktoren definiert, die zu Verzerrungen des Ergebnisses führen können und bei der Modellierung berücksichtigt werden müssen: Sowohl bei der Awareness als auch bei der Distribution geht das virtuelle Testregal vom „perfekten Markt", also 100 % Awareness und Distribution aus. Entsprechend werden in der Modellierung Korrekturfaktoren zur Darstellung des realen Marktumfeldes eingefügt. Der allgemeine Testeffekt erklärt sich durch die ausführliche Beschäftigung des Probanden mit dem Konzept; auch hier ist ein korrigierender Faktor notwendig.
Andera Gadeib ist Gründerin und Vorstandsvorsitzende von Dialego, Aachen. Die Dialego AG ist ein Full-Service Marktforschungsinstitut mit über 20 Mitarbeitern im Bereich der internetbasierten Marktforschung und erhebt die Daten ausschließlich online. Zum Produktangebot des Unternehmens gehören klassische Instrumente wie Werbepre-/Post-Tests, Produkt-/Konzepttests, Brand/Imageanalysen, Websitetests oder Kundenzufriedenheits-Studien. Dialego entwickelt Software- sowie Hardware-Systeme für Online-Erhebungen.
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