Der deutsche Mann ist in den letzten Jahren immer stärker zum Objekt der Forschungsbegierde geworden. Psychologisch wurde nach einem postfeministischen Bewusstsein in der Partnerschaft gefahndet oder bei Männern neue Züge einer persönlichen Selbstinszenierung entdeckt.
Allen diesen Ansätzen gleich ist die Feststellung einer Verunsicherung der Männer in ihrem Selbstbild durch die Auflösung der herkömmlichen Geschlechterrollen in den letzten Jahrzehnten. Der neue Mann steht einem neuen Frauenbild gegenüber, wodurch die Anforderungen an ihn ständig wachsen. So werden verstärkt von Männern so genannte „weibliche Kompetenzen" und Fähigkeiten zur Kommunikation in der modernen Berufswelt eingefordert. Kurz gesagt: Nicht mehr der einsame Wolf, der starke Macher ist gefragt, sondern der Mann, der kommuniziert und gleichzeitig beruflich erfolgreich ist.
Zielgruppe neuer Mann
Allerorten wird also nach einem neuen Männerbild gesucht - so auch in der Marktforschung, die den neuen Mann als Zielgruppe näher bestimmen will. Womit beschäftigt sich der neue Mann in seiner Freizeit, wofür gibt er Geld aus, wie wichtig ist ihm sein Äußeres?
Einhellig herrscht die Meinung, dass im Moment eine tief greifende Verunsicherung die Männerrolle prägt. Ein Übergangsprozess zu einem neuen Männerbild findet statt - ohne bekanntes Ziel. Ist der Mann deshalb aber auch wirklich so grundlegend verunsichert, wie es Dutzende von psychologischen Ratgebern nahe legen wollen?
Das IFAK-Institut in Taunusstein ist diesen Fragen nachgegangen (siehe Steckbrief) und gelangt zu aufschlussreichen Ergebnissen:
Zufrieden
Eine der überraschendsten Erkenntnisse ist, dass Männer in Deutschland eigentlich grundlegend mit ihrem Leben zufrieden und stolz darauf sind, was sie bislang im Leben erreicht haben (84 Prozent). Dabei liegt die Zufriedenheit in Westdeutschland mit 86 Prozent noch deutlich höher als in den neuen Bundesländern (71 Prozent).
Generell gibt es drei Bereiche, die für Männer einen hohen Stellenwert in ihrer Lebenseinstellung einnehmen:
Familie und Kinder besitzen für einen großen Teil der Männer (86 Prozent) den höchsten Stellenwert und gehören für sie zu einem ausgefüllten Leben dazu.
Kurz dahinter in der Wertskala folgt der Bereich des beruflichen Erfolges. 73 Prozent aller Männer möchten sich in ihrem Beruf verwirklichen, wobei 86 Prozent eine gute Ausbildung als die Voraussetzung des Erfolgs ansehen.
Zu diesen beiden traditionellen Wertmustern Familie und Beruf gesellt sich jedoch auch ein starkes Achten auf die eigene Attraktivität.
Attraktiv
Der deutsche Mann definiert sich also nicht nur durch seine „inneren Werte" sondern auch die Außenwirkung ist ihm wichtig. So sagen 77 Prozent aller Männer, dass sie Wert auf ihr Äußeres legen, 75 Prozent achten auf körperliche und geistige Fitness. Dabei entwickeln die deutschen Männer auch hier ein beachtliches Selbstbewusstsein bezüglich der eigenen Attraktivität. 66 Prozent sind mit ihrem Äußeren zufrieden und fühlen sich attraktiv.
Auf dem Weg zum Hedonisten sind die deutschen Männer deshalb noch lange nicht: weniger als die Hälfte (41 Prozent) genießen das Leben in vollen Zügen und nur 9 Prozent umgeben sich gerne mit Luxus (Abb.).
Von seiner Lebenseinstellung her bleibt so der neue deutsche Mann eher der Traditionalist, der sich vor allem auf die Familie und den beruflichen Erfolg konzentriert - allerdings dabei verstärkt auf seine Außenwirkung achtet.
Deutsche Tugenden an erster Stelle
So kann es auch nicht wirklich überraschen, dass bei den Charaktereigenschaften, die deutsche Männer sich zuschreiben, immer noch einige der so genannten „deutschen Tugenden" an erster Stelle stehen: Ehrlichkeit (91 Prozent), Treue (87 Prozent) und Bodenständigkeit (84 Prozent). Sie gehören weiterhin zu den herausragenden Charaktereigenschaften des deutschen Mannes - oder sie werden zumindest immer noch als sozial erwünschte Charaktereigenschaften von Männern selbst wahrgenommen.
An zweiter Stelle stehen für Männer in ihrer Selbstbeschreibung fast gleichrangig so genannte „soft skills" wie Einfühlsamkeit (74 Prozent) und „auf andere Menschen zugehen können" (65 Prozent). Kurz dahinter folgen die vorwiegend männlich definierten Eigenschaften wie berufliches Durchsetzungsvermögen (65 Prozent) und Ehrgeiz (67 Prozent).
Der deutsche Mann charakterisiert sich selbst so eher als ruhigen, bodenständigen und vorausplanenden Charakter, der sich seines Wertes bewusst ist, aber nicht gut mit Kritik umgehen kann oder gar im Mittelpunkt stehen will (15 Prozent). In seinen Charaktereigenschaften verbindet er ein traditionelles männliches Rollenverständnis wie Selbstbehauptung, Durchsetzungsfähigkeit und beruflichen Erfolg mit sozialen Tugenden, die früher vermehrt den Frauen zugeschrieben wurden. Was ihm nach eigener Selbsteinschätzung offenbar ein wenig fehlt, ist die risikobereite Ader, eine etwas größere Spontaneität und Kreativität.
Keine Angst vor erfolgreichen Frauen
Wie sieht der neue Mann denn nun die Rolle der Frau? Was wünscht er sich - Karrierefrau oder Kinderbetreuerin - und was traut er der Frau beruflich zu?
Zur Beantwortung dieser Frage wurde den Männern stereotype Ansichten zu Frauen und Männern vorgelegt.
Der Großteil der deutschen Männer vertritt ein partnerschaftliches Frauenbild. Das heißt, für den Mann von heute sind Frauen psychisch genauso leistungsfähig wie Männer (77 Prozent), sollen ebenso innere wie äußere Werte haben (77 Prozent), sind nicht mehr grundsätzlich das schwächere Geschlecht (25 Prozent), sondern werden als Kolleginnen akzeptiert (72 Prozent).
Und erfolgreiche Frauen scheinen den Männern keine Angst mehr einzujagen - so finden nur 14 Prozent der Männer erfolgreiche Frauen zum Fürchten. Das immer wieder beschworene Schreckgespenst der selbstbewusst auftretenden modernen Frau hat für die meisten Männer offenbar ausgedient. Denn für zu selbstbewusst halten nur rund 22 Prozent der Männer die modernen Frauen, wobei hier vor allem die Werte bei älteren Männern höher liegen.
Daneben werden jedoch weiterhin Wertvorstellungen eines traditionellen Frauenbildes vertreten: denn Männer wünschen sich bei Frauen vor allem auch äußere Attraktivität (73 Prozent). Von Frauenbildern, die aus dem Stereotypen-Fundus stammen, sind zumindest noch gut die Hälfte aller Männer überzeugt: Frauen sind sensibler als Männer (55 Prozent), wobei sie gleichzeitig auch eine gewisse Neigung zur Hysterie haben (51 Prozent).
Lieber handeln als diskutieren
Sich selbst definieren Männer weiterhin in deutlicher Abgrenzung zu den Frauen. Männer lösen Probleme anders als Frauen (79 Prozent), sie beherrschen immer noch die männliche Domäne der Technik besser (60 Prozent) und sind eher die Macher, die lieber handeln anstatt zu diskutieren (52 Prozent). Eine andere scheinbare Domäne der Männer ist jedoch brüchig geworden: nur 27 Prozent aller Männer gehen davon aus, dass sie auf jeden Fall besser Autofahren als Frauen.
Weiterhin werden also klare Unterschiede zwischen Männern und Frauen wahrgenommen - eben als zum Teil typisch männliche oder weibliche Eigenschaften und Verhaltensweisen - ohne daraus jedoch eine grundsätzliche Rollenverteilung abzuleiten.
Insgesamt gewinnt man durch die Abfrage dieser Rollenstereotype den Eindruck, dass die deutschen Männer, vor allem die jüngeren Altersgruppen, jenseits der feministischen Diskurse der letzten Jahrzehnte stehen. Ist hier eine wirkliche Weiterentwicklung des Männerbildes zu erkennen oder doch nur ein postmodernes Klischeebild des „neuen Mannes"?
Positive Verortung
Die IFAK-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass bei einem Großteil der Befragten nicht die Verunsicherung dominiert. Es ist den Männern vielmehr gelungen, sich selbst in einem neuen Koordinatensystem des „Mannseins" zwischen traditionellem Männerbild und neuen Ansprüchen positiv zu „verorten".
Dass dies nicht ganz ohne Brüche gelingen kann ist verständlich. So ist ein Teil der Männer noch nicht ganz in der neuen Rolle heimisch geworden: rund 42 Prozent der Männer geben an, dass das Leben als Mann im Vergleich zu früher schwieriger geworden ist. Vor allem die Altersgruppe der über 50-Jährigen zeigt hier noch deutlich höhere Werte.
Dessen ungeachtet bringt die Veränderung der althergebrachten Rolle den Männern die Möglichkeit, aus den Klischees über das „Mannsein" auszubrechen. Dies gilt vor allem im Bereich Familie und Beziehung, in dem neben der Auflösung bekannter Muster auch neue Ansprüche von Männern sichtbar werden. So glauben nur rund 24 Prozent der Männer, dass die Frau allein für die Kindererziehung zuständig sei.
Gerade in diesem Bereich spiegelt sich ein in der Tat positiv gewandeltes Rollenverständnis des neuen Mannes wider: der Wunsch die beiden für ihn offenbar wichtigen Lebensbereiche Beruf und Familie miteinander verbinden zu können. So bewundert ein Großteil der Männer Frauen, denen genau dies gelingt, nämlich Karriere und Familie miteinander zu vereinen (78 Prozent).
Auch auf der Beziehungsebene haben die meisten Männer deutlich Abschied von Rollenstereotypen der Vergangenheit genommen. Sie denken nicht mehr, dass sie in einer Beziehung mehr verdienen müssen als Frauen (17 Prozent) und sie räumen sich generell nicht mehr Freiheit als Frauen ein (24 Prozent). Auch dem Klischee des „harten Kerls" wollen nur noch wenige Männer folgen. Nur 28 Prozent der Befragten glauben, dass Männer in der Öffentlichkeit nicht weinen sollten.
Fachartikel
Ausgabe 1/2005, Seite 26
Artikelnummer: 05-01-26-1
Der einsame Wolf hat ausgedient
Studie über den deutschen Mann
Hat der Wandel seiner Rolle beim deutschen Mann zu Verunsicherung oder zu einem neuen positiven Selbstbild geführt? Annette Martschei und Barbara Denneborg berichten über Lebenseinstellungen, Charaktereigenschaften, Männer- und Frauenbild des (neuen) deutschen Mannes.
Kasten:
Steckbrief:
IFAK Eigenstudie
Telefon-Befragung
Stichprobe: 1.005 Männer in Deutschland im Alter zwischen 18 und 69 Jahren
Thematik: Lebenseinstellungen, Männer- und Frauenbild
Bewertung vorgelesener Aussagen auf einer 5-er Skala (1 = trifft voll und ganz zu; 5 = trifft überhaupt nicht zu); Prozentwerte Zustimmung: Top-2-Boxes
Steckbrief:
IFAK Eigenstudie
Telefon-Befragung
Stichprobe: 1.005 Männer in Deutschland im Alter zwischen 18 und 69 Jahren
Thematik: Lebenseinstellungen, Männer- und Frauenbild
Bewertung vorgelesener Aussagen auf einer 5-er Skala (1 = trifft voll und ganz zu; 5 = trifft überhaupt nicht zu); Prozentwerte Zustimmung: Top-2-Boxes
